Skip to main content

Full text of "Die Waldenser und die vorlutherische Deutsche Bibelübersetzung: Eine Kritik der neuesten Hypothese"

See other formats


Google 



This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct 

to make the world's books discoverablc online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prcvcnt abuse by commercial parties, including placing lechnical restrictions on automated querying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain fivm automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc 
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogXt "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct and hclping them lind 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of 
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

Äbout Google Book Search 

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs 
discover the world's books while hclping authors and publishers rcach ncw audicnccs. You can search through the füll icxi of ihis book on the web 

at |http: //books. google .com/l 



Google 



IJber dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 
Das Buch hat das Uiheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nu tzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in Partnerschaft lieber Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche Tür Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials fürdieseZwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .coiril durchsuchen. 






>Tlt»' 




•i 



■r— 






DIE WALDENSER 



UND DIE 



TORLUTHEßISGHR 

i , ■ _ 

BEtTSOHE BlBELÜßERSEtZUNO. 



EINE KBITiK DER NEUESTEN HYPOTHESE 



VON 



Db. FBANZ JOSTES, 

PBIVATDOCEKt DER DEUTSCHEN ^PRACHE ÜKD l.irrEKAa'Ui; 
A^' DEK K, AlCADjplIE ZU MÜS8TEÄ I/W.- 









\ 



'} 






•J 






■ > - 
/ 



MÜNSTER liW. 1885 

VERLAG VON HEINRICH SCflÖNlNGH. 



V 



J 



i^Mi^ 



' ■ ' < 



• l' -^. 



.r> 



•..' 



*. 

y 4 






'^ 



•. ^1 



^ V 



/ , 



' i 

V 



' ■; 






r- 



\- 



C , 1 - . '- 



- J 



I 



. V 



^ 



\ 



<< 
1 



'i\ 



DIE WALDENSER 



UND DIE 



YORLUTHEßlSCHE 



DEUTSCHE BIBELÜBERSETZUNa. 



EINE KKITIK DER NEUESTEN HYPOTHESE 



VON 



De. FRANZ JOSTES, 

PRIVATDOCENT DER DEUTSCHEN SPRACHE UND LITTERATÜR 
AN DER K. AKADEMIE ZU MÜNSTER I/W. 



MÜNSTER I/W. 1885 

VEKLAG VON HEINRICH SCHÖNINGH. 




r; 






i ( 



* 



MEINEM FREUNDE 



KASPAR VON HATZFELD 



GEWIDMET. 



Jeder Beitrag zur Kenntnis der vorlutherischen deutschen 
Bibelübersetzung, jeder Versuch zur Aufhellung der noch so 
dunkelen Geschichte derselben hat von vornherein auf unsere 
Beachtung und unseren Dank gerechten Anspruch. Aber bei 
der Lage der Dinge ist es doch anderseits auch unumgänglich 
notwendig, dass die Forschung, wenn sie nicht irre geleitet 
werben will, an alle derartigen Versuche, denen nicht eine um- 
fassende und gründliche Kenntnis des gesamten einschlägigen 
Materiales zu Grunde liegt, mit der grössten Vorsicht herantritt. 

Dieselbe ist auch bei der neuesten Untersuchung auf diesem 
Gebiete, die Keller in seinem Werke: „Die Reformation und die 
älteren Reformparteien** ^) angestellt hat, keineswegs überflüssig. 
Ja je blendender das Resultat derselben ist, je unangreifbarer 
es dargestellt wird, desto nüchterner und sorgfaltiger verdient 
es nach allen Seiten hin erwogen zu werden. 

Die bisherige Ansicht, dass die deutsche Bibel- 
übersetzung aus orthodox römisch-katholischen Krei- 
sen hervorgegangen sei, ist durchaus irrig: das deut- 
sche Volk verdankt sie den bibelgläubigen Ketzern, 
den Waldensern. 

Das ist das Ergebnis von Kellers Untersuchung, über- 
raschend und ansprechend genug, um von vornherein vielsei- 
tigen Beifalles sicher zu sein. Es hat sich denn auch, soviel 
ich sehe, kein einziger Rezensent zu demselben ablehnend ver- 
halten, selbst die, welche das Buch im übrigen rücksichtslos 
verurteilen, machen bei diesem Punkte eine Ausnahme 2). 



1) Leipzig 1885. 

2) Kolde, Zeitschrift für Kirchengeschichte Bd. VII, 429. Tschackert, 
Theologische Litteraturzeitung 1885. Sp. 330 ff. 



— 6 — 

Allein Keller hatte die Frage nur nebenbei erörtert; eine 
eingehende, alle Einzelheiten berücksichtigende Untersuchung 
war schon durch den Plan seines Buches ausgeschlossen. Zu- 
dem ergab sich seine Beweisführung in manchen Punkten schon 
bei oberflächlicher Betrachtung als nicht stichhaltig. Eine er- 
neuerte Prüfung der Sache blieb daher unbedingt erforderlich. 

Rascher, als man es hätte erwarten sollen, erschien eine 
solche von Dr. Hermann Haupt ^). 

Die Lücken in Kellers Beweisführung sind auch ihm zum 
guten Teile nicht entgangen, im allgemeinen jedoch baut er 
auf der von jenem gelegten Grundlage weiter, hier berichti- 
gend, dort ergänzend. 

Auch ich hatte gleich nach dem Erscheinen des Buches von 
Keller eine Untersuchung des ebenso wichtigen als interessanten 
Gegenstandes vorgenommen, war aber dabei zu der Überzeugung 
gelangt, daas das neue Licht nichts als ein Irrlicht ist. 

Durch anderweitige Arbeiten vollständig in Anspruch ge- 
nonmien, entschloss ich mich aber erst zu einer Veröffentlichung 
meines Resultates, als die Gefahr der allgemeinen Annahme der 
Hypothese eine wirklich drohende wurde 2). 

Von entscheidender Bedeutung für die Beantwortung der 
Frage nach dem Ursprünge und Charakter der vorlutherischen 
Bibelübersetzung ist der Codex Teplensis, d. h. die in der Bi- 
bliothek des Prämonstratenserklosters Tepl in Böhmen befindhche 
Handschrift einer Übersetzung des Neuen Testamentes, die etwa 
dem Ende des 14. Jahrhunderts angehört^). Die Bedeutung 
dieser Übersetzung beruht vor allem darauf, dass sie mit dem 
Neuen Testamente der ersten gedruckten deutschen Bibel und 
folglich auch der folgenden Drucke identisch ist. Was daher 



1) Die deutsche Bibelübersetzung der mittelalterlichen Waldenser in 
dem Codex Teplensis und der ersten gedruckten deutschen Bibel nach- 
gewiesen. Würzburg 1885, Stahel. 

2) Es ist sehr zu bedauern, dass die Hypothese sogleich über die 
wissenschaftlichen Kreise hinausgedrungen ist. Welche Verwirrung sie 
schon angerichtet hat, beweist ein Artikel der Prager Zeitung (19. Juh 
1885): .Auffindung der Waldenserbibel*, wo allen Ernstes die Behauptung 
aufgestellt ist, dass auf Grund der neuen Entdeckung . ganze Partien 
der Eirchengeschichte eine Umarbeitung erfahren müssen!!' 

3) Herausgegeben von Klimes, München 1881 — 1883. 



— 7 — 



von ihr gilt, gilt von der vorlutherischen Bibelübersetzung 
überhaupt. 

Voraus schicke ich eine genaue Beschreibung der Hand- 
schrift, die ich der Liebenswürdigkeit des Herrn P. KlimeS; 
Bibliothekars in Tepl, verdanke; bei der unzureichenden Be- 
schreibung im Vorworte der Ausgabe dürfte sie nicht über- 
flüssig sein. 

„Der Codex Teplensis ist nicht von einer, sondern von drei, 
ja noch sicherer von vier, aber gleichzeitigen Händen geschrie- 
ben. Die a- und c-Hand schrieb fleissiger und zwischen Linien, 
die b- und d-Hand flüchtiger und auf den Linien. 

Für die gleichzeitige Inangriffnahme spricht die Gleich- 
artigkeit des Pergaments. Der Codex besteht nämlich aus 26 
Ternions von Pergamentlagen, jede zu 12 Blättchen Taschen- 
formats, die alle von einem und demselben Linierer mit feinen 
bräunlichgelben Linien, 22 für den Text und 2 für die Über- 
schrift jeder Blattseite, deren es im ganzen 630 sind, sorgfaltig 
vorgerichtet wurden. Zwei der Linien, die erste imd die letzte 
des Textes, gehen über die ganze Breite der Seite, die übrigen 
alle sind kürzer zwischen den senkrechten Marginierungslinien 
gezogen. Am äussersten Rande einer jeglichen Seite noch sicht- 
bare Löcherchen gaben dem Linierer die Richtung an. 

Die a-Hand brauchte zu den Evangelien XII- S. 7 — 286; 
die b-Hand zu den Paulinischen Briefen VHI- bis S. 462; die 
c-Hand II- bis S. 498 der kanonischen Briefe; die d-Hand IV- 
Pergamentlagen zu dem Botenbuch und der Offenbarung bis 
S. 620. 

Der fragliche Anhang ist nicht von der nämlichen unmittel- 
bar demselben vorhergehenden d-Hand der Offenbarung, die mit 
S. 620 endet, geschrieben, sondern von einer anderen, und zwar 
von der b-Hand (die den Korrektor und Revisor des ganzen 
Codex machte). Diese Hand korrigierte 

auf S. 621: Dz gehört I dz XVII capittel dz buchs d' böte 

auf S. 622: Daz gehört in dz XV capitel dez buchs d' 

böte 

auf S. 623 : Dicz gehört l dz XVIII capittel dez buch d' böte 

Sie setzte zu auf S. 624 — 28: Czo wissen ist Amen. 

Demselben Korrektor blieb auch nachzutragen die Auslas- 
sung im Botenbuche 



— 8 — 

Dz gehört i dz XV capittel [wan iudas zu zipern]. 

item: Dz gehört l dz XVI [wan si ob^giengen vn si 

twang si . . . ] 
Ersteres setzte sie auf S. 282, letzteres auf S. 282—283, welche 
Seiten die a-Hand unbeschrieben Hess, und welche mit noch 
anderen [S. 284 — 286] leer stehenden das einheitliche Beginnen 
der vier Hände am deutlichsten kennzeichnen. 

Übrigens zeigen die vielen Auslassungen, die durchgestriche- 
nen Wiederholungen, die nachträglichen Buchstaben-, Silben- 
und Wörterkorrekturen, wie eilfertig diese ab cd- Abschriften 
zustande kamen. Die Evangelien haben eine schwarze, die übri- 
gen Teile eine blassbraune Tintenschrift. Die erste und die 
letzte Blattseite ist vom Buchbinder, ihrer Schadhaftigkeit we- 
gen, an festes Papier angeleimt. Der jetzige wurmstichige Ein- 
band ist nicht der ursprüngliche.* 

Es mag sein, dass sich die Entstehung unserer Kopie, wie 
sie in dieser Beschreibung zu Tage tritt, auch aus den wal- 
densischen Verhältnissen erklären lässt, ich weiss es nicht; aber 
das lässt sich doch nicht leugnen, dass sie ganz genau in eine 
klösterliche Schreiberwerkstatt hineinpasst, wo der Scriptuarius 
die Arbeiten der Mönche überwachte und korrigierte. 

Die Gründe für die Hypothese zerfallen in zwei Gruppen; 
der eine Teil beruht auf den kleineren Stücken, die der Codex 
ausser dem Neuen Testamente noch enthält, der andere auf der 
Beschaffenheit des Neuen Testamentes selbst. Dass die ersteren 
schon an sich nur Gründe zweiter und dritter Güte sind, wird 
jeder zugeben, der weiss, welch heterogene Bestandteile mittel- 
alterliche Handschriften oft enthalten. Es liesse sich aus ihnen 
höchstens nachweisen, dass sich unsere Handschrift im Be- 
sitze eines Waldensers befanden habe; auf den waldensischen 
Ursprung der Übersetzung darf aus ihnen nicht geschlossen 
werden. Denn dass die Waldenser nicht eine katholische Über- 
setzung gebraucht haben könnten, dürfen wenigstens diejenigen 
nicht behaupten, die sie wie Haupt betreffs der Glaubenslehre 
in schönster Harmonie mit den Katholiken hinstellen. Ich will 
indes von dieser Einrede einen weiteren Gebrauch nicht machen 
und den Stücken bereitwillig die Beweiskraft zugestehen, die 
ihnen Keller und Haupt beilegen. 

Sehen wir uns nun die Stücke näher an! Es sind ihrer 



— 9 — 

fünf (bez. sechs); darunter enthalten drei Abschnitte aus den 
Homilien des Chrysostomus bez. Augustinus und eins ist ein 
Citat aus dem über de sacramentis des Hugo von St. Victor. 
Der Sprache nach sind drei lateinisch' und zwei deutsch. Die 
lateinischen Stücke müssen zunächst in einer waldensischen 
Bibel sehr überraschen; die aufsteigenden Bedenken verlieren 
sich auch bei näherer Erwägung nicht, und die Annahme, dass 
sich der Codex in der Hand eines „Meisters" befunden habe, 
hilft uns über dieselben keineswegs hinweg. Haupt sagt selbst 
(S. 40), dass diese Übersetzungen unfraglich auch dem grössten 
Teile der waldensischen „Meister", „deren theologische Bil- 
dung und Sprachkenntnisse wir nicht allzu hoch an- 
schlagen dürfen, den lateinischen Bibeltext haben ersetzen 
müssen". Ganz richtig! aber was sollten denn diese „Meister*' 
mit den lateinischen Auszügen aus den Kirchenvätern anfangen? 
Wie hoch wir die „theologische Bildung und Sprachkenntnisse" 
der deutschen Meister anzuschlagen haben, das kann sich jeder 
selbst sagen, der sich die Liste der aus aller Herren Länder 
stammenden „Meister" ansieht, welche im Jahre 1392 den Wal- 
densern in Österreich vorstanden. Es waren ihrer damals zwölf 
und unter diesen drei rusticorum filii, zwei fabri, zwei sutores, 
je ein sartor, molendinator, carnifex, rasor pannorum^). Alle 
Achtung vor der Gesinnung und dem reinen Streben dieser 
Männer, dass aber von ihnen auch nur ein einziger imstande 
gewesen sei, diese nicht einmal leichten lateinischen Stellen zu 
verstehen, gebe ich nicht zu 2). Das Waldensertum in Deutsch- 
land war eine rein populäre Bewegung, die im Agentlichen 
Volke ihren Sitz hatte; gerade der Mangel an wissenschaft- 
licher Bildung wird Meistern und Anhängern stets von den 
Gegnern vorgeworfen. 

Eine derartige Unwahrscheinlichkeit müssen wir mit der 
Hypothese also auf jeden Fall in den Kauf nehmen. Sie föllt 



1) Die Urkunde bei Friesz, Patarener, Begharden, Waldenser in 
Österreich. — österreichische Vierteljahrsschrift für katholische Theo- 
logie 1872, S. 257. 

2) Was Haupt auf S. 17 sagt, habe ich nicht übersehen und noch 
weniger will ich es übergehen. Der ^waldensische Geistliche'', d. h. ein 
theologisch gebildeter Priester, bleibt eben ein Helfer in der Not, dessen 
Existenz noch nachgewiesen werden muss. 



— 10 — 

aber sofort weg, wenn wir einen Mönch als Besitzer des Codex 
annehmen. Spricht dagegen vielleicht der Inhalt der Stücke? 

Das .erste ist eine XJbersetzung einer Stelle aus dem liber 
de sacramentis des Hugo von St. Victor, in der dieser die Frage 
erörtert, weshalb Christus die Ohrenbeichte nicht ausdrücklich 
eingesetzt habe. Huttier und Keller waren betreffs des Inhaltes 
der Stelle ganz fehl gegangen, Haupt hat sie richtig aufgefasst 
— und deshalb legt er auf den Inhalt auch gar kein Gewicht. 
Denn dass ein waldensischer Meister ein grösseres Bedürfnis in 
sich verspürt haben sollte, sich und seinen Zuhörern über jenen 
Grund Rechenschaft zu geben, als ein römisch-katholischer 
Priester, würde sich auch mit der grössten Anstrengung nicht 
wahrscheinlich machen lassen. Hingegen legt Haupt Gewicht 
auf den „Umstand, dass gerade Hugo von St. Victor (gest. 1141) 
zu den in den waldensischen Schriften häuiSg citierten mittel- 
alterlichen Kirchenlehrern zählt" (S. 9). Von einem Kirchen- 
historiker, der sich in einem fort mit theologischen Materien 
zu befassen hat, sollte man doch erwarten, dsiss er wüsste, 
welche Bolle gerade Hugo von St. Victor in der orthodoxen 
mittelalterlichen Theologie spielt. Aber es zeigt sich durch- 
gehends bei Haupt, dass seine Kenntnis der orthodoxen Theologie 
zu seiner Kenntnis der Waldenserlitteratur nicht entfernt in dem 
richtigen Verhältnisse steht. 

Die folgenden Stücke sind Abschnitte und Stellen aus den 
Homilien des Chrysostomus bez. Augustinus. Der blosse Hin- 
weis auf das hohe Ansehen, in dem diese Schriftsteller bei den 
Waldensern gestanden haben, kann uns so lange hier nicht 
weiter bringen, als nicht nachgewiesen ist, dass diese sich da- 
durch von den orthodoxen Theologen unterschieden haben; und 
dieser Beweis wird freilich rückständig bleiben müssen! Von 
der Behauptung, dass diese Stücke „mit Rücksicht auf die Em- 
pfehlung des Bibellesens und der Pflege der Frömmigkeit in 
der Familie ausgewählt" seien, ist nur der letzte Teil durchaus 
richtig. Die divinae scripturae werden nur in Nr. 5 erwähnt, 
und wer das Stück nicht bloss in der Diagonale liest, wird er- 
kennen, dass der Zweck, zu dem es hergesetzt ist, anderswo 
zu suchen ist. Was nun aber die Pflichten der Hausväter und 
die „bei den Waidensem so beliebte Hausandacht" anlangt, so 
ist doch darauf hinzuweisen, dass der mittelalterlichen Kirche 



— 11 — 

häufig genug geradezu der Vorwurf gemacht worden ist, dass^ sie 
die religiöse Unterweisung fast ausschliesslich der Familie über- 
lassen habe. Wie unkatholisch diese Hausandachten sind, mögen 
ein paar Citate aus orthodoxen Schriftstellern beweisen. 

„Darumb sollen", sagt der Propst an St. Dorothea in Wien, 
Stephan Landskranna, in seiner „ Himmelsstrass '^ , „die vaeter 
und die mueter ire Kinder, die schuolmeister ire schüler, die 
houswirt ir gesind, voraus die oebersten ire underthan soeliche 
ding underweysen und darzuo halten, das sie es von jm selber 
oder von anderen leren und versteen, als vil irem standt zuo 
gehöert/ Cap. 3. 

„Das cristenliche hus sol ein cristenlicher tempel 
syn, vorab an sunntagen und andern heyligen tagen, 
wan alle vatter, mutter, kinder, knecht und meyde, alt 
und jung, by einander syn und gott loben, beten und 
lesen." Selenfürer Bl. 5. 

„ Wisze, wan du, cristenlicher vatter , die predigt nit hörest, 
und die erclerunge des glaubens und der gebotte, wy wollest 
du dan dine kinder und gesind unterweysen des abends nach 
der arbeit in der cristlichen 1er und in den gebotten, als du 
solst. Höre gottes wort flyszlichen an iglichen sontag; geh zur 
predig morgends und am nachmittage; nim das wort an- 
dechtichlich uflf in dinem hertzen, betrachte es inniglich. Was 
du nit versteen machst, wan du hörest die predigt, frage nach, 
lies nach in den buchem und erclere es den kindern und 
dem gesind. Gottes wort sy die luchte dynes wegs! Es ist 
gar ser heilsam predigt zu hören und ebenmessig gar heil- 
sam gute geystliche bücher zu keuffen und oft zu lesen 
zu unterweysunge in glauben, geboten, sunden, tugen- 
den und aller waren cristenleer." Weihegärtlein 3. 

Die Verfasser scheinen gerade die auch in unserem Codex 
enthaltenen Stellen vor Augen gehabt zu haben ^). 



1) Wer von den mittelalterlichen Erbauungsbüchem die Originale 
nicht selbst zur Hand hat, kann sich aus Geffcken, Bilderkatechismus 
des fünfzehnten Jahrhunderts (Leipzig 1855) imd Hasak, Der christliche 
Glaube des deutschen Volkes beim Schlüsse des Mittelalters (Regensburg 
1868), Letzte Rose (Regensburg 1883) hinreichend über die religiösen An- 
schauungen jener Zeit untemchten. 



— 12 — 

Haupt scheint (S. 15) in derartigen Sentenzensammlungen 
etwas spezifisch Waldensisches zu sehen. Von der Menge ähn- 
licher Sammlungen, die bei den orthodoxen Geistlichen in Um- 
lauf waren, von dem Manipulus florum, dem Hortulus rosarum 
und den massenhaften „Flores'' scheint er ebensowenig eine 
Ahnung zu haben, wie von den deutschen und lateinischen 
»Rapiarien* der Brüder vom gemeinsamen Leben. 

übrigens haben die paar Stellen unseres Codex mit all 
solchen Sammlungen — ob orthodox, ob waldensisch — wenig 
zu schaffen. Sie sind in mittelalterlichen Handschriften etwas 
ganz Gewöhnliches. Ich könnte aus ihnen sogar Kapital für 
mich schlagen, wenn ich nicht wüsste, wie wenig ein Zusammen- 
steller solcher Citate in den Kirchenvätern selbst belesen zu 
sein brauchte. 

Wie es jetzt mit der „bei den Waldensern so beliebten 
Hausandacht " steht, kann man daraus abnehmen, dass z. B. in 
dem weitverbreiteten katholischen Katechismus von Overberg 
unter den sonntäglichen Pflichten neben dem Anhören von 
Messe und Predigt auch die Abhaltung der „sonntäglichen Haus- 
andacht* aufgeführt wird! 

Das einzige diskussionsfähige Stück ist das letzte, das 
„waldensische Ordinationsformular", wie es Keller, oder der 
„kleine Katechismus", wie es Huttier und Haupt neimen. Es 
ist offenbar auch dasjenige, welches die ganze Hypothese her- 
vorgerufen hat. 

Zu diesem Stücke welches „die sieben Artikel des heiligen 
christlichen Glaubens** und die sieben Sakramente nebst kurzen 
Erklärungen enthält, ist zunächst zu bemerken, dass es weder 
ein kleiner Katechismus, noch ein Ordinationsformular, sondern 
eine Predigt ist. Das geht aus den beiden folgenden dem An- 
fange bez. dem Schlüsse entlehnten Stellen deutlich genug 
hervor: 

Czu dem ersten mal ist czu sehen von den VII stucken 
des gelauben. Czu dem andern mal sag wir von den VH Hei- 
likheiten, ob es uns got vorleiget. 

. . . daz wir di VII heilikheiten so entphan, daz wir von gote 
nimmer gescheiden werden, Daz verleige uns der vater und 
der son und der heilige geist. Amen. 



— 13 — 

Doch das ist etwas rein Formelles. Wie steht es mit dem 
Charakter des Inhaltes ? Der zweite Teil enthält „die vollständig 
orthodoxe Lehre von den Sakramenten der römischen Kirche". 
(Haupt S. 5). Die Meinung Kellers, dass der Schreiber mit der 
Bezeichnung „heiligkeit" habe ausdrücken wollen, dass er nicht 
die Sakramente der römischen Kirche darunter verstehe, lässt 
Haupt fallen. Es war auch nicht einmal einen Blick in ein 
altdeutsches Wörterbuch zu thun erforderlich, man brauchte bloss 
noch nicht vergessen zu haben, dass Hugos liber de sacramentis 
durch „buch von den heilikeiten" wiedergegeben wird, um die 
Grundlosigkeit von Kellers Ansicht einzusehen. Waldensische 
Spuren will indes auch Haupt hier noch erkennen und zwar in 
der Reihenfolge der einzelnen Sakramente, die von der seit 
Petrus Lombardus „fast ausnahmslos" üblichen und von Albertus 
Magnus und Thomas von Aquin als „allein berechtigt" nach- 
gewiesenen abweicht (S. 6). Hätte sich Haupt die mittelalter- 
lichen und neuen katholischen Katechismen erst angesehen, so 
würde er das wohl schwerlich geschrieben haben. Denn im 
Mittelalter war weder bei den Katholiken noch bei den Wai- 
densem die Eeihenfolge eine einheitliche und die „allein be- 
rechtigte" ist trotz Albertus und Thomas noch jetzt nicht ein- 
mal durchgeführt. 

Also an dem zweiten Teile ist auch nicht die Spur von 
waldensischem Einflüsse zu erblicken; wie steht es mit dem 
ersten? Auffällig ist zunächst, dass diese sieben Glaubensartikel 
mit den sieben Sakramenten drei- oder viermal in waldensischen 
bez. hussitischen Handschriften vorkommen, hingegen aus der 
orthodoxen Litteratur nicht bekannt sind. Wenn man freilich 
bedenkt, dass die mittelalterliche Ketzergeschichte ein eifrigst be- 
bautes Feld ist, die theologische Litterärgeschichte hingegen 
noch sehr im Argen liegt, so darf das doch, auch wenn sie 
römischen Ursprunges sind, nicht sehr überraschen. Haupt 
selbst hat aus der Konstruktion der romanischen und unserer 
Fassung auf eine lateinische — und das heisst doch nichts 
anderes als unwaldensische — Vorlage geschlossen. Dass ich, 
der ich weder Theologe noch Kirchenhistoriker bin, diese nicht 
nachweisen kann, besagt nichts; ich bin aber überzeugt, dass 
ein in der mittelalterlichen Theologie gut Bewanderter sie bald 
auffinden wird. 



— 14 — 

Es will mir auch scheinen, dass die Urkunden, welche über 
diese Stucke sprechen, gar keinen Zweifel an dem katholischen 
Charakter dieser Artikel aufkonmien lassen. Sowohl die Strass- 
burger*) als auch die österreichische Handschrift berichten, dass 
die Waldenser ihre Predigerkandidaten vor der Ordination 
über die sieben Artikel und die sieben Sakramente zu befragen 
pflegten. Die letztere sagt: . . . confessione facta ab onmibus 
peccatis suis uni eorum tunc scientior ex ipsis proponit sibi 
aliquod de sacramentis et de VII articulis, quos tarnen cre- 
dunt. Aus dieser Art der Erwähnung und aus dem Umstand, 
dass die sieben Artikel nicht einmal genannt werden, muss man 
doch schliessen, dass der katholische Referent sie für allgemein 
bekannt und nicht spezifisch waldensisch hielt. Das wird im 
Verlaufe des Berichtes noch klarer; es heisst dort: Sunt autem 
articuli, quibus fidei Katholicae contrariantun Und mm folgt 
ein drei Seiten füllendes Verzeichnis dieser Artikel, in dem man 
aber auch nur einen von imseren sieben vergebens suchen wird. 
Auch die Strassburger Handschrift nennt sie schlichtweg arti- 
culi fidei, sagt nichts mehr darüber als über die sieben Sakra- 
mente und bemerkt ausdrücklich noch: et de aliis articulis 
nullam faciunt mentionem^). 

Merkwürdigerweise spricht sich Haupt über den Inhalt gar 
nicht aus, obschon es doch auf der Hand liegt, dass die Stücke 
dadurch, dass sie noch so oft in waldensischen Schriften vor- 
kommen, ebensowenig etwas spezifisch Waldensisches werden 
wie die sieben Sakramente. Offenbar hat er nichts Waldensisches 
darin zu entdecken vermocht. 

Für mich hatten diese sieben Artikel nach einer anderen 
Seite Interesse: es war mir auf den ersten Blick klar, dass die 
jetzigen „sieben notwendigsten Grlaubensstücke" der katholischen 
Katechismen mit ihnen im wesentlichen identisch und daher 
sehr hohen Alters seien. Ich setze die lateinische Fassung der 
Strassburger Handschrift, die altdeutsche des Codex Teplensis 
und die neuhochdeutsche des Mainzer Katechismus, der „von 
alten Zeiten" bis zum Jahre 1850- im Gebrauche war, zur Ver- 
gleichung hierher. 

1) Zs. für histor. Theol. v. Niedner XXII S. 244. 

2) Nach alüs articulis kann doch nichts anderes ergänzt werden als 
catholicae iidei. 



— 15 



St. H. 

JUem tempore ordina' 
tionis interrogant de 
Septem articulis fidei, 
scilicet , utrum credat 
(10) unum deum in tri- 
nitate personarum et 
unitate essentie; 2^ quod 
idem Deus sit creator 
omnium visibilium et 
invisibüium ; 3^ quod 
condidit legem Moysi in 
monte Sinay; 4^ quod 
misit filium suum ad 
incarnandum de virgine 
incorrupta; 5^ quod ele- 
git sibi ecclesiam im- 
maculatam; 6^ carnis 
resurreetionem ; 7^ quod 
venturus est iudicare 
vivos et mortuos. 



C. T. 

Daz erste stucke daz 
wir gelauben: czu sein 
einen got yn der drei- 
valdikheit und dy drei- 
valdikheit czu eren in 
der einikheit. Daz II 
ist daz wir gelauben, 
daz got selber hat ge- 
schaffen alle ding, di 
unter ym sint. Das III 
daz er hat geben di ee 
moyses an dem perg 
sina. Daz IIU daz er 
hat gesant den sun von 
dem hymel in dem leib 
der seligen mayd. Daz 
V ist daz er im selber 
hat derwelt di wunni- 
chen kirchen. Daz VI 
ist di künftige aufer- 
stendunge des fleischz. 
Daz VII ist daz ewige 
gerichte ^), 



M. K. 

Welche Stücke sind 
zur Seligkeit zu wissen 
und zu glauben notwen- 
dig? Diese sieben Stü- 
cke: 1. dass nur ein 
Gott dreifaltig in der 
Person; 2. dass Gott 
alles erschaffen hat, er- 
hält und regiert ; 3. dass 
Gottes Sohn ist bei uns 
Mensch geworden und 
uns durch sein bitteres 
Leiden und Sterben er- 
löset hat; 4. dass die 
Gnade Gottes uns not- 
wendig ist zur Selig- 
keit; 5. dass uns diese 
Gnade durch den hei- 
ligen Geist in der Kirche 
Christi zu teil wird; 
6. dass die Seele des 
Menschen unsterblich 
ist; 7. dass Gott das 
Gute belohnt und das 
Böse bestraft. 



Klar dürfte sein, dass die drei Fassungen im innigsten Zu- 
sammenhange stehen; dass der Mainzer Katechismus das dritte 
Stück mit einem anderen vertauscht hat, will nichts besagen. 
Eine übergrosse Ehrfurcht vor der Fassung der Katechismus- 
stücke hat man in der römischen Kirche nie gehabt. Die Eeihen- 
folge der zehn Gebote und der sieben Sakramente machte dieser 
so und jener anders; von den sieben W^erken der Barmherzigkeit 
hatte man das letzte (Begräbnis der Toten) ganz verloren, bis 
die Pest lehrte, dass es doch noch nicht so überflüssig sei. Es 
steht selbst jetzt noch nicht viel besser: Overberg hat nur sechs 
„notwendige] Glaubensstücke"; es fehlt ihm das fünfte des 
Mainzer Katechismus. Der alte Kölner Katechismus hat zwar 



1) Die Behauptung Haupts und Kellers, dass beide Fassungen «Wort 
für Wort* übereinstimmen, ist, wie man sieht, nicht , wörtlich* zu neh- 
men. Es ist übrigens auch wahrscheinlich, oder vielmehr sicher, dass 
die lateinische Fassung von dem katholischen Referenten herrührt. 



— 16 — 

sieben (die sich auch bei Jesuiten finden), aber es fehlt auch 
hier Nr. 5; die Siebenzahl ist durch Teilung eines Overberg- 
schen Stückes wiederhergestellt. Der kleine Katechismus des 
Jesuiten Deharbe hat sogar nur fünf. Alle diese Fassungen 
hierher zu setzen, hat keinen Zweck. Soviel ist indes unum- 
stösslich sicher: wenn die Waldenser jene sieben Artikel nicht 
wie so vieles andere mit aus der römischen Kirche herüber- 
genommen haben, dann hat die römische Kirche ihre „sieben 
notwendigen Glaubensstücke" den Waidensem entlehnt. Weiter 
gehe ich mit meiner Behauptung nicht; denn wer gegen Hypo- 
thesen kämpft, muss zuerst sehen, dass er selbst festen Boden 
unter den Füssen behält. Das Wahrscheinlichere von beiden 
auszuwählen, kann ich übrigens auch dem Leser überlassen. Ich 
glaube aber, dass meine Auseinandersetzungen mich wohl berech- 
tigen, hinter die Behauptung von Haupt (S. 1), dass jene Artikel 
ein „nachweislich waldensisches Glaubensbekenntnis" enthalten, 
wenigstens ein dickes Fragezeichen zu setzen, wenn waldensisch 
— wie es nicht anders aufzufassen ist — „spezifisch walden- 
sisch" heissen soll*). 

Ich will aber den für mich ungünstigsten Fall annehmen 
und einmal zugeben, dass die Fassung — von dem Inhalte 
wird*s hoffentlich keiner behaupten — dieser Artikel von den 
Waldensern herrühre, was ist damit bewiesen? Wenn sich sogar 
die Jesuiten diese sieben Artikel des heüigen christlichen Glau- 
bens in ihre Bücher haben einschmuggeln lassen, will man es 
dann noch unwahrscheinlich finden, dass ein weit harmloserer 
mittelalterlicher Mönch den Ursprung dieser Stücke nicht er- 
kannt oder nicht beachtet hat? Warum sollte sich denn nicht 
schon ein solcher an diesen Stücken erbaut haben, ebenso wie 
Pater Klimes und andere Angehörige des Prämonstratenser- 
klosters an ihnen und der „ketzerischen" Bibelübersetzung 
(Haupt S. 34)? 2) 



1) Es entspricht dem, was wir von der Bildung der deutschen wal- 
densischen aMeister** sonst wissen, durchaus, dass man sie vor der Or- 
dination über nichts anderes als über diese einfachsten Sachen exami- 
nierte. Diese beiden Eatechismusstücke muss noch jetzt jeder katho- 
lische Bauembube auswendig kennen, wenn er der Schule entlassen wer- 
den will. 

2) Offener und rückhaltloser als hier äussert sich Haupt an anderer 






17 — 



Dass es mit dem „waldensischen'^ Charakter dieses ^kleinen 
Katechismus'' auch keineswegs so ganz glänzend steht, lehren 
Haupts eigene Erörterungen auf Seite 7 jeden, der sie auf- 
merksam liest. Ich hebe nur den folgenden Satz heraus: „Von 
den Folgerungen, welche aus dem Abschnitte der 
Tepler Handschrift über die Sakramente auf die Dog- 
mengeschichte der Waldenser zu ziehen sind, sei hier 
z. B. erwähnt, dass durch die Bezeichnung der Eucha- 
ristie als JBrechung und Gemeinsamung des Brotes' 
die Annahme, dass die Waldenser in der vorhusiti- 
schen Zeit das Abendmahl unter beiden Gestalten ge- 
feiert hätten, ausgeschlossen zu werden scheint." 

Warum den Spiess nicht umgedreht? 

Führt doch der echt waldensische Traktat über die Sakra- 
mente in der Dubliner Handschrift die Eucharistie auf als com- 
munion del cors e del sang de Crist*) (Haupt S. 6 A. 4)! 

Ich gehe zu der zweiten Gruppe der Gründe über. 

Es ist hier zunächst das Perikopenverzeichnis zu besprechen. 
Keller legt auf dasselbe grosses Gevsdcht — und ich befinde 
mich hier mit ihm in vollem Einverständnisse. In der geringen 
Zahl der HeiHgenfeste sieht er einen stichhaltigen Grund für 
seine Ansicht. „Es erhellt daraus, dass die Waldenser fast alle 
Heiligenfeste beseitigt hatten; die Gedenktage Johannes 
des Täufers, der Jungfrau Maria und der Apostel pflegten sie 
dagegen festlich zu begehen" (a. a. 0. S. 258). Abgesehen von 
der petitio principii, die wir hier vor uns haben, weiss man 
auch nicht, wo man bei dieser Ansicht mit „Jorge, Maria 
Magdalena, Lorentz, Michael und alle Heiligen" 2) hin soll!! 

Haupt hat die Sachlage richtiger erfasst; er zeigt, dass die 
Zahl eine durchaus normale ist. Wenn er sagt, dass die hier 



Stelle über die Beweiskraft dieses Stückes: ^Bei der Nachprüfung von 
Kellers Beweisführung hat sich mir dieselbe als unzureichend ergeben. 
Die Anfügung des waldensischen Glaubensbekenntnisses kann allein für 
den Charakter der Tepler Bibelübersetzung nichts beweisen, ebenso- 
wenig . . . .* Centralblatt für Bibliothekswesen 1885, S. 287. Warum 
hat er das nicht auch hier offen ausgesprochen? 

1) Die Tepler Handschrift sagt aber ausdrücklich: Di III ist di 
prechunge und di gemainsamunge dez protez! vgl. S. 20 A. 2. 

2) Vgl. das Perikopenverzeichnis. 

2 



— 18 — 

aufgeführten Feiertage die auch für die Laien allgemein gebote- 
nen wären (festa chori et fori), so mag das richtig sein, aber 
den Kernpunkt der Sache tri£Ft es besser, wenn man sagt: es 
sind die Perikopen für all jene Tage angegeben, an denen sie 
vorgelesen wurden, d. h. an denen man predigte. Denn dass das 
gerade an allen allgemein gebotenen Feiertagen überall der Fall 
gewesen sei, möchte ich nicht beweisen; andererseits waren die 
40 Tage vor Ostern, für die sich im Verzeichnisse des Cod. Tepl. 
Perikopen finden, keine Feiertage, wohl aber wurde im Mittel- 
alter (und in vielen Gegenden noch jetzt) während dieser Zeit 
täglicL gepredigt ^). 

Wie sehr sich Haupt der hier für seine Ansicht liegenden 
Schwierigkeiten bewusst geworden ist, lehrt folgende Stelle: 
„(Es) erhebt sich die Frage, ob nicht die gewissenhafte Einhal- 
tung der katholischen Feiertage, welche das Register charakte- 
risiert, uns veranlassen muss, von jener durch die vorausgehenden 
Erörterungen sehr nahe gelegten Vermutung abzusehen". S. 11. 

Er fühlt mit vollem Rechte die Notwendigkeit, Gründe da- 
für beizubringen, dass er diese Frage verneint Die Stichhaltigkeit 
dieser Gründe muss ich indes entschieden bestreiten. Er beruft 
sich auf folgende Stelle aus dem Berichte des Inquisitors Petrus 
über die Waldenser in Südostdeutschland und Ungarn: licet 
beatae virginis et aliorum sanctorum vigiüas ieiunient, festa 
celebrent, hoc tamen vel ad ostentacionem, ne notentur; 
vel ad solius dei et non sanctorum laudem faciunt ad hono- 
rem. Dem widerspricht 2) indes der Bericht über die Öster- 
reichischen Waldenser (Friesz a. a. 0.): Item non ieiuniant 
vigilias eorum (Sanctorum) nee dies celebrant S. 259^). Auf 



1) Vgl. auch Jeitteles, Altdeutsche Predigten aus St, Paul. Inns- 
bruck 1878, S. XVI. 

2) Wenn das , licet *' des vorigen Berichtes einen Widerspruch zuläsat. 

3) Ich bin der letzte, der das Waldensertum für alle in den Berichten 
mitgeteilten Lehren verantwortlich macht. Aber Haupt sollte doch mit 
dem Vorwurfe der „Entstellung", den er den Berichterstattern macht, 
vorsichtiger sein. In Nr. 6 bei Friesz wird z. B. ganz scharf geschieden, 
was omnes, was plurimi, was multi und was quidam von den Waiden- 
sem glauben. Man inquiriere selbst jetzt einmal sutores, molendina- 
tores etc. aus den verschiedenen Eonfessionen und man wird sehen, 
welch treffendes Bild man von den Lehren derselben erhält! 



- 19 — 

jeden Fall kann hiermit nicht mehr bewiesen werden, als dass 
die Waldenser die kirchlichen Feiertage äusserlich mitmachten, 
nicht aber, dass sie an den Tagen eine eigene kirch- 
liche Feier veranstalteten. Dieselbe ist sogar schon durch 
diese Berichte — dass es noch radikalere Ansichten gab, ver- 
schweigt Haupt nicht — ausgeschlossen. 

Es ist indes nicht notwendig, dass wir uns hierbei langer 
aufhalten. Keller und Haupt haben beide gerade das Entschei- 
dende in dem Perikopenverzeichnisse übersehen. 

Gleich im Anfange desselben steht: 

Xc. tag (Christtag) in d. erst, messe 

di 2... 

di 2 messe 

di 2 . . . 

di 3 messe 

di 2 . . . 

Ich muss gestehen, dass ich aus der Lektüre der Werke 
von Hahn, Herzog, Dieckhoff, Keller und Haupt mich über- 
zeugt habe, dass trotz alles Studiums die Dogmatik der Wal- 
denser noch lange nicht klar gelegt ist; der eine widerspricht 
dem anderen in den wichtigsten Punkten oft direkt; aber die 
Ansicht, dass die Waldenser die römische Messe beibehalten 
hätten, habe ich doch nirgends gefunden! Und was sollen denn 
gar die drei Messen hier? 

Wer einen Blick in das römische Messbuch wirft, dem wird 
die Sache sofort klar werden: jeder römische Priester pflegt 
nämlich Weihnachten ausnahmsweise drei Messen zu lesen, 
von denen jede ihr eigenes Evangelium und zwei eigene 
Lektionen (Episteln) hat. Ebenso hat die erste Predigt eine 
andere Perikope als die zweite und die zweite eine andere als 
die dritte^). 



1) In dem Lektionsverzeichnis zu einer Übersetzung des Neuen Te- 
stamentes, die gleich noch weiter besprochen werden soll, heisst es: 
Op den kersnacht ter ierster missen .... 

In die selve misse .... 
In die misse inder dagheraet .... 

In die selve misse .... 
Op den kersdach in die hoghe misse .... 
In die selve misse .... 

2* 



— 20 — 

Wo bleibt hier der waldensische »Meister*? 

Femer sind in dem Verzeichnisse für den Samsti^ in der 
ersten Woche nach dem Aschetage sechs Lektionen angesetzt. 

Diese Lektionen beziehen sich anf die sechs ersten von den 
fldeben Priesterweihen, die an diesem Tage stattfinden^), nnd 
stehen noch jetzt so im romischen Messbache. 

Dass es bei der Ordination der waldensischen Prediger- 
kandidaten in anderer als römischer Weise zuging , wissen wir 
ganz bestimmt Der Bericht über die österreichischen Wal- 
denser sagt auch ausdrücklich: Item consecrationes accoljtorum, 
subdiaconörum, dyaconorum, presbyterorum, episcoporum repro- 
bant et condempnant ^. Ich bin sicher, dass Haupt hier nicht 
mit Entstellung von Seiten des Berichterstatters ins Feld rücken 
wird. Wo bleibt dann aber der waldensische Meister? 

Wie kommen femer die Waldenser an die zwölf Lektionen 
für die Wasserweihen am Earsamstage, welche das Verzeichnis 
aufführt, sie, die „aquam baptismalem non credunt aqua quacun- 
que alia sanctiorem, cum in qualibet alia aqua valeat baptizari* ^). 

Um es kurz zu sagen: Das ganze Verzeichnis ist nach 
dem römischen Messbuche angelegt, und derjenige, 
welcher unsere Übersetzung benutzte, schloss sich 
streng an die römische Liturgie an. 

Dieser Thatsache gegenüber hätte ich vielleicht alle vorhin 
besprochenen „GhTünde** kurzer Hand abthun können, allein ich 
habe sie deshalb zu allen möglichen Rechten kommen lassen, 



1) Die Priesterweilien werden viermal im Jahre erteilt. Ob das auch 
im Mittelalter dorchgehends bezüglich des Diözesanklerus inne gehalten 
wurde, weiss ich nicht; in den Klöstern werden sie nur einmal im Jahre 
erteilt, und dass unser Verzeichnis diese Lektionen nur einmal aufführt, 
weist wieder auf ein Kloster. 

2) Friesz a. a. 0. S. 264. Selbst der abgefallene Priester oder Bi- 
schof, wie er auch genannt wird, Nicolaus vom Sand — ich entnehme 
dies Keller a. a. 0. S. 270 — , weihte Reiser 1433: nit mit meszgewandt 
und anderen Ordnungen und Gezierd als hie zu landt, dann mit 
auf flegung der handt und mit sprechen etlich wort in Latein. Rei- 
ser erhielt von ihm auch die Kommunion unter beiden Gestalten. 

3) Ebendort: Item sentiunt de aqua aspersionis benedicta. Eben- 
dort: Item quidquid benedicitur ab episcopo vel a presbyteris, sive 
sit ipsa ecclesia, sive fons baptismatis, sal, aqua . . . penitus non 
valere (sentiunt). 



— 21 — 

damit nicht irgend einem Leser der geringste Zweifel bezüglich 
des einen oder anderen Punktes übrig bliebe. 

Dass der Besitzer unseres Codex ein Prediger gewesen, in 
dieser Annahme stimme ich mit Haupt (S. 11) überein; dass 
dieser aber kein waldensischer Meister gewesen sein kann, glaube 
ich jetzt hinreichend nachgewiesen zu haben. 

Aber durfte denn ein katholischer Prediger sich der deut- 
schen Bibel bedienen? Haupt meint: ^Die Vermutung, dass 
ein katholischer Prediger . . . anstatt aus der Yulgata sich aus 
der deutschen Bibel Rats erholte, ist nicht geradezu ausge- 
schlossen, wenn wir auch später sehen werden, dass sich der 
Besitzer der Übersetzung damit in Gegensatz gegen die von der 
EjLTche gegen jede Benutzung, einer Bibelübersetzung ge- 
richteten Verbote gestellt haben würde*. Damit ist die schwache 
Vermutung denn auch schon vsdeder beseitigt! Die »gegen jede 
Benutzung einer Bibelübersetzung gerichteten Verbote* werden 
in einer nicht gar glücklichen Weise nachgewiesen: durch 
die 1 Berufung auf den Brief (!) Gregors VU. an Wratislaw 
von Böhmen (1080), auf das Schreiben Innocenz' HI. über die 
Waldenser in Metz (1199), auf die Beschlüsse der Synoden 
von Toulouse (1299), Tarragona (1233), Beziers (1246) und 
Oxford (1408)! In Herzogs Realencyklopädie s. v. „Bibelver- 
bote^^ steht dies alles ja ganz an seiner Stelle, nur nicht hier, 
wo es sich um Deutschland handelt, flir welches die Beschlüsse 
ausländischer Synoden nicht mehr massgebend waren, als es 
etwa die Beschlüsse des Würzburger Magistrates flir Münster 
sind. Wenn Haupt den Nachweis verlangt, es habe in anderen 
kirchlichen Provinzen eine andere Praxis geherrscht, so wimdert 
mich das nicht; geradezu unbegreiflich aber ist es, dass er sich 
für die Berechtigung dieses Verlangens auf Keusch ^) beruft. 
Denn dort ist gerade auf der citierten Seite wörtlich zu lesen: 

»Nur In Spanien waren seit dem Ende des 13. Jahr^ 
hunderts spanische Bibelübersetzungen durch könig- 
liche Verordnungen allgemein verboten*. (Man vergleiche 
die ganze Stelle!) 

Es lässt sich hier nur etwas beweisen mit päpstlichen Er- 
lassen von allgemeiner Gültigkeit oder mit Bestimmungen 



1) Der Index der verbotenen Bücher. I. Bd. Bonn 18S3, S. 43. 



I 



— 22 — 

deutscher Synoden. Haupt ist es nicht gelungen, ausser dem 
bekannten Mandate des Erzbischofii Berthold von Mainz auch 
nur eine einzige derartige Verfügung aufzutreiben. Diesem 
^Bibelverbote'^ mit einer Sprache ^leidenschaftlicher Erbitte- 
rung* widmet er zum Ersätze denn auch fast drei Seiten! Nur 
Schade y dass das Mandat aus dem Jahre 1486 stammt, also 
etwa 100 Jahre jünger ist als der Codex Teplensis, 
und der Erzbischof es nur für seine Kirchenprovinz ^) erliess! 
Für unsere Frage würde es daher auch dann jede Bedeutung 
verUeren, wenn es wirkKch ein ^ibelverbot« wäre, was es 
aber entschieden nicht ist. Es ist eine Verordnung, welche 
die Einsetzung einer Präventivceosur verkündet, wie sie auch 
anderwärts (in Köln seit 1479) bestand. 

Dieses „in aller Form erlassene Bibelverbot' hat nun nach 
Haupt diese Folge gehabt: „an dem gesamten vorluthe- 
rischen deutschen Bibelwerke hat Mainz, der erste und 
glänzendste Sitz der deutschen Buchdruckerkunst, kei- 
nen Anteil genommen*! Diesen Satz lässt ein Kirchenhisto- 
riker nicht bloss drucken, sondern auch noch gesperrt drucken. 
Augsburg und Strassburg gehörten doch im Mittelalter zur Ju- 
risdiktion des Mainzer Erzbischofs und die Verordnung ist aus- 
drücklich für die Suffraganbistümer miterlassen. Ja ihreSpitze 
müsste sich gerade gegen sie gerichtet haben^ da in Mainz selbst 
Bibeln gar nicht gedruckt wurden 2). Denn in jenen beiden Städten 
sind nach jetziger Annahme die drei ältesten (also die „walden- 
sischen*) Bibeln gedruckt! Auch die elf folgenden Drucke 
sind mit Ausnahme der zwei Nürnberger dort erschienen, und 
wenn die Censur wirklich ins Leben getreten ist, was wohl nicht 
bezweifelt werden darf, dann müssen die Ausgaben von 1487, 



1) Nicht bloss für seine .Diözese*, wie Haupt S. 46 sagt. Wer sich 
ein richtiges Urteil über diese alle Übersetzungen betreffenden Verord- 
nungen bilden will, lese sie bei Gudenus, Codex diplomaticus etc. IV, 
469 ff. selbst nach. Eine durchaus treffende Beurteilung giebt Beusch, 
Der Index S. 56 ff. Der Erzbischof weist die Censoren an, die Bücher 
nicht zu approbieren, „si forte ad rectum sensum non facile traduci 
poterunt aut errores et scandala magis pariunt aut pudicitiam laedunt". 
Zwei Censoren sollen jede Approbation unterschreiben. 

2) Hätte Berthold wirklich die deutschen Bibeln besonders treffen 
wollen, so wäre es unbegreiflich, dass er derselben gerade in der An- 
weisung für die Suffragane mit keiner Silbe gedenkt. 



— 23 — 

1490, 1507 und 1518 mit ausdrückUcher Genehmigung der vom 
Mainzer Erzbischof eingesetzten Gensurbehörde erschienen sein ^)! 

Erst auf dem Konzile zu Trient wurde der Gebrauch deut- 
scher Bibeln für die Laien, wenn auch nicht ganz verboten, so 
doch sehr beschränkt^). Aber die Vorschrift wurde vielEach 
als gar nicht verbindlich angesehen. Der bayrische Katalog der 
verboten«! Bücher von 1566 fuhrt z. B. unter den „für die 
Layen brauchsamisten^ Büchern unter anderen auch die Bibeln 
von Eck und Dietenberger, das Neue Testament von Emser und 
die „gar alte Verdolmetschung der Bibel oder etlicher 
stuckh daraus . . . die aber nit vii mehr getruckt wer- 
den*^ auf ^). Und noch im Jahre 1612 sagt der Jesuit Serarius: 
„Wenn jemand in Deutschland ohne ausdrückliche Erlaubnis 
die Bibel von Eck oder Dietenberger liest, so wird das von 
den Bischöfen, Pfarrern und Beichtvätern nicht nur nicht ge- 
tadelt und bestraft, sondern vielmehr gebilligt und sehr 
gelobt, als wenn die Erlaubnis allgemein erteilt wäre*)*. 

„Je weniger wahrscheinlich es ist**, sagt Ebiupt S. 45, „das^ 
namentlich die deutschen Inquisitoren über den waldensischen 
Ursprimg der ersten deutschen Bibelübersetzungen auf die Dauer, 
im Unklaren geblieben seien, desto befremdender ist es, dass 
bis jetzt noch kein einziges bestinmites Zeugnis vorliegt, das 

1) Wenn den kirchlichen Behörden Deutschlands in der damaligen Zeit 
die Bibelübersetzungen sehr verdächtig gewesen wären, wie ist es dann 
möglich, dass die Bulle Alexanders VI. vom Jahre 1501, Inter multipli- 
ces, welche die Gensur für die Sprengel von Mainz, Köln, Trier und 
Magdeburg einführte resp. bestätigte, zwar von vielen Büchern mit 
falschem und der Kirche feindlichem Inhalte spricht, aber die vielen 
deutschen Bibelausgaben nicht einmal erwähnt? Dass allerlei Irrlehren 
im Umlaufe waren, wissen wir auch sonst (so gab z. B. der Inquisitor 
Heinrich Krämer 1495 einen Tractatus cum sermonibus contra quattuor 
errores novissime exortos adversus divinissimum eucharistiae sacramentum 
heraus). Nur von den Waidensem und ihrem grossen Einflüsse hört man 
nicht viel. 

Die ältesten bekannten Bibeldrucker sind der stockkathol. Zeiner 
und Sorg, der „zur Ehre und Zierde der ganzen triumphieren- 
den und zu grösserem Nutzen aller frommen Söhne der strei- 
tenden Kirche*^ druckte. 

2) Beusch a. a. 0. SSS. 

3) Das. ^. 468. 

4) Das. S. 835. 



— 24 — 

uns von der offirieUen Verwerfung und Anathemiäerung jener 
Übersetzungen, die wir doch eigentlich notwendig voraussetzen 
müssen, in Kenntnis setzte/ Durchaus einverstanden! Ja die 
Inquisitoren hatten feine Nasen, und dass sie der Verbreitung 
einer ketzerischen Bibel in mehreren Auflagen müssig zugesehen 
hätten, ist vollständig unglaublich. Dieser Umstand allein reicht 
schon hin, den waldensischen Charakter der Übersetzung als höchst 
fraglich erscheinen zu lassen. Und welche Verbreitung der „wal- 
densischen Ketzerei^ setzen nicht diese Ausgaben voraus! Sollte 
man nicht meinen, dass wir dann doch etwas mehr Nachrichten 
über die Bewegung haben müssten? 

Vy^enn Haupt nachweisen will, dass die Lektüre der deutschen 
Bibel der römischen Lehre widerspricht, dass die Bischöfe etc., 
die den Druck nicht behindert, sich des Ungehorsams gegen 
Rom schuldig gemacht, dass die Geistlichen und Laien, welche 
sie benutzt, inkorrekte Katholiken gewesen seien, so mag er das 
thun, ich werde ihm nicht widersprechen. Aber dass die römi- 
schen Geistlichen sich im Mittelalter der Bibelübersetzung nicht 
in ausgedehnter Weise bedient hätten, worauf es hier allein an- 
konmit, dieser Behauptung widerspreche ich entschieden und will 
hier meinen Widerspruch begründen ^). 



1) Der gründliche W. Moll (bis vor seinem kürzlich [1879] erfolgten 
Tode Prof. der Theologie in Amsterdam) urteilt — dass er die mittelalter- 
lichen Verhältnisse zu rosig angesehen, wird ihm kaum jemand vor- 
werfen — über unseren Gegenstand fo^lgendermassen: „Aangaande de 
verspreiding van onze oude bijbeloverzetting kunnen wij weinig berigten. 
Hoewel ten behoeve van de leekenwereld, is zij vermoedel^k het meest 
in vrouwenkloosters, op begijnhoven en in yergaderingen van de zusters 
des gemeenen levens, gelezen en daarenboven in mannenkloosters , die 
nevens de monniken ook ongeletterde convers-en leekebroeders, donaten 
en proveniers bevatten." (Diese nüchterne und gewiss richtige Auf- 
fassung teilt auch Gieseler.) „Dat zij in vele, zoo niet in alle conventen, 
sedert het midden der vijftiende eeuw geheel of gedeeltel\jk voorhanden 
was, is waarsch\jnlijk, daar de afschriften, die tot heden in onze open- 
bare en bijzondere bibliotheken bewaard worden, mennigvuldig zijn 
en doorgaans de bewijzen hunner kloosterlijke afkomst met 
zieh dragen." Eerkgeschiedenis van Nederland voor de hervorming. 
112 334, (über Moll vgl. Acquoy in Herzogs Real-Encyklopädie X [1880], 
S. 163 — 166). Einen Beweis für die letztere Behauptung Molls liefert der 
von ihm selbst herausgegebene Katalog des Barbaraklosters in Delft, 
der, abgesehen von Postillen etc., folgende Bibelstücke auffiihrt: Nr. I. 



— 25 — 

Wir finden, dass schon früh im Mittelalter die gebildeten 
Geistlichen Sammlungen deutscher Predigten herausgegeben 
haben, welche den ungelehrten Landpredigem als Hilfsmittel 
dienen sollten. Für diese war es ebenso notwendig und noch 
notwendiger, wenn nicht das ganze Neue Testament, so doch 
mindestens ein deutsches Plenar zu besitzen, da ja vor jeder 
Predigt die Perikopen vorgelesen werden mussten; und dass 
dies lateinisch geschehen sei, wird jetzt, nachdem Gruel seine 
Geschichte der deutschen Predigt im Mittelalter geschrieben 
hat, wohl niemand mehr behaupten. Wenn die ungelehrten Geist- 
lichen ein vollständiges deutsches Neues Testament besassen — 
viele mögen es in unserer Zeit noch nicht gewesen sein — , so 
werden sie sich anstatt aus der lateinischen Vulgata aus ihm 
auch wohl „Rats erholt" haben. Die Gelehrten hatten das nicht 
notwendig; aber ebenso wie die Ungelehrten bedurften sie 
eines deutschen Plenars, an dessen Stelle sie auch wohl ein voll- 
ständiges Neues Testament benutzten. Hier der Beweis! 

Die Bibliothek des Vereins für Geschichte und Altertums- 
kunde Westfalens in Münster besitzt (Msc. Nr. 48) eine sehr 
schön von einer Hand geschriebene Pergamenthandschrift eines 
Neuen Testamentes, «das bis jetzt unbekannt geblieben ist. Die 
Handschrift ist 21 cm lang und 14^2 cm breit. Die Übersetzung 
weicht von den bis jetzt bekannt gewordenen durchaus ab. 

Zufallig sind wir in der glücklichen Lage, uns über die 
Herkunft dieser Übersetzung keinen Vermutungen hingeben zu 
brauchen. Auf dem zweiten leeren Pergamentblatte steht von 
gleichzeitiger Hand eingetragen: 



Item in den eersten die ewangelien mitten epistelen. IL Item die ewan- 
gelien mit die concordancie II (Exemplare). III. Item een vlaems ewan- 
geliboec. IV. Item St. Jans ewangeli mit die exposicie ende III capit- 
telen nut der minnen boec. (V. Item Nicodemns ewangelien.) VI. Item 
St. Panwels epistelen mitter glosen. X. Item III sticken (Exemplare) 
van cantica. CIV. Item den bibel besloten van die vijf boecken Moyses. 
Kerkhistorisch Archief. Vierde deel. Amsterdam 1866. S. 244 ff. Der 
Handschriftenkatalog der Bibliothek zn Wolfenbüttel fiilirt als Nr. 427 
ein Evangelienbuch mit der Glosse auf, das ausserdem noch die Episteln 
und Propheten enthält und die Inschrift: „Hoc est tercium librum teu- 
tonicum evangeliorum monalium in Brunteshusen"*. Wer die Übrigen 
Handschriffcenkataloge systematisch hieraufhin durchlesen wollte, würde 
gewiss noch reichliche Zeugnisse finden. 



— 26 — 

Dit boeck hoert in der clerckehuus bpinen ZwoUe. 

Die Eyangelien sind durch zwei leere Blätter von dem 
übrigen Teile getrennt. Am Schlüsse jener steht folgende Notiz: 
Hier eynden die vier ewangeUsten in duytsche. Ghescreven ver- 
mids mi Johan henrics soen die wachter een onnutte priester. 
Int iaer ons heren dusent vierhondert ende yijftich des donre- 
daghes voir onser vrouwen dach nativitas. Bid voir mi ^). 
Die romischen Priester in Zwolle und speziell Wachter scheinen 
also keine übermässige Angst vor den Inquisitoren empfunden 
zu haben! Wie fleissig die Handschrift benutzt worden ist, das 
zeigen die zurückgelassenen Spuren deutlich genug. Dass sie in 
erster Linie wenigstens den Predigern gedient hat, geht aus 
folgendem hervor. 

Am Schlüsse des Ganzen sind auch alle aJttestamentalischen 
Teile der Perikopen mitgeteilt. Hinter dem Verzeichnis der 
Evangelien sowohl als der Lektionen wird eine Anweisung zur 
bequemen Auffindung derselben gegeben. Am Bande des Textes 

1) Die Stellung dieser Notiz ist, da auch das folgende von derselben 
Hand herrührt, etwas merkwürdig. Ich habe Anhaltspunkte dafär, dass 
die einzelnen Teile, Evangelien, Briefe Pauli etc. von verschiedenen 
Übersetzern herrühren. Das wird auch sonst bei den übrigen Bibelüber- 
setzungen wohl der Fall sein. Ich kann aber hier nicht dajrauf eingehen. 
Interessant ist namentlich die Vorrede des Übersetzers zu den Briefen 
Pauli. Folgende Stelle teile ich daraus mit: Ende ist, dat dese episto- 
len den ghenen die latyn verstaen ende den grieken ende den hebre- 
uschen orberlic sin ende nutte, so sin si oec den duytschen guet. Ende 
het is wat vreemde, dat men soe manich duutsche ghescryfte maect 
ende vint ende dese ciaer epistolen ut den gheeste des levenden godes 
gedieht niet ghemeynre en sin onder den ghemeynen luden, die mynne 
hebben tot Christus leer ; want naest den evangelien sin si die leerlicste 
scrifture die ghescreven is. (Overmits dat die epistolen swaer sin ende 
dicwil mit luttel woerden vele sinnes begripen — want latijn is bequa- 
mer mede te spreken dan duytsche — daer om is hem dicwile te hul- 
pen ghecomen mitter heiligher kerken ende der leerraes (sie) glose, op 
datmen den sin te bet verstae ende gheheel blive onghebroken. Want 
alsoe vele sinnes als hi meynt, machmen niet mit alsoe luttel woerden 
beduden, als hi utghesproken hevet. Es gab später in den Niederlanden 
separate Ausgaben der Briefe Pauli nach dieser Übersetzung, wie 
ich ersehen habe aus Le Long, Boekzaal der nederd. bijbels. Amster- 
dam 1732. (Moet met groote omzigtigheit gebruikt worden! Moll) Le 
Long hat aus einer solchen Ausgabe diese Vorrede mitgeteilt. (Da das 
Buch hier nicht vorhanden ist, kann ich leider die Seite nicht angeben.) 



— 27 — 

sind endlich Zeichen angebracht, an denen der Prediger sofort 
erkennen konnte, wo er zu lesen anfangen und aufhören musste. 
Diese Lesezeichen hat auch der Codex Teplensis, wie man 
aus Anhang 11 ersehen kann. Was das kleine Format anlangt, 
so ist das doch ebenso bequem für Mönche, namentlich wenn 
dieselben, wie es vielfach der Fall war, in den umliegenden 
Dörfern die Seelsorge zu verwahren hatten oder gar als Wander- 
prediger ganze Lander durchzogen, wie für einen „Meister** der 
Waldenser ^), Und wie verschwindend klein ist nicht die Zahl 
dieser Meister gegenüber den mönchischen Wanderpredigem! 

Warum in die Feme schweifen? 
Sieh, das Rechte liegt so nah! 

Dass aber diese orthodoxen Wanderprediger ihr Hand- 
werkszeug mit sich führen mussten, liegt auf der Hand. Sogar 
Sammlungen kurzer Predigtentwürfe hatten sie wenigstens bis- 
weilen bei sich^). Ein solcher Prediger, auch wenn er ge- 
lehrt war — und dass der Besitzer des C. T. es war, zeigen die 
lateinischen Citate — musste sich in dieser Übersetzung auch 



1) Welche Mühe muss sich nicht Haupt geben allein, um äussere 
Zeugnisse für Bibelübersetzungen bei den Waidensem zu erhalten! 
Wenn jemand gesagt hat, dass er als Schulknabe in seines Vaters Hause 
gesehen habe, wie ein Meister ein kleines Buch rasch verborgen habe, 
so ist es fast selbstverständlich, dass es eine Bibel gewesen ist (S. 33). 
Aus den Worten Davids von Augsburg: „dociles inter suos complices et 
facundos docent verba evangelii et dicta apostolorum .... in 
vulgari lingua corde affirmare* wird frischweg gefolgert, „dass die deut- 
schen Waldenser um die Mitte des 13. Jahrhunderts eine deutsche Bibel- 
übersetzung gehabt haben '^ (S. 18). Die scripturae sacrae, die die Ketzer 
besassen, gegen welche auf der Trierer Synode vom J. 1231 verhandelt 
wurde, und die vielleicht zum Teil Waldenser waren, müssen natürlich 
auch Bibeln gewesen sein (S. 18). Wie oft soll es noch auseinanderge- 
setzt werden, dass sacrae litterae, scripturae etc. und „heilige Schriften** 
die ganze religiöse Litteratur umfassen? Selbst bei dem Worte Bibel 
dürfen wir im Mittelalter zunächst nur an das Alte Testament oder ein- 
zelne Teile desselben denken. 

2) Die Bibliothek des hiesigen Altertumsvereins besitzt noch ein 
solches „Viaticum fratris Johannis Nigri* (Dominikaners in Minden, später 
in Soest). Bei vielen Predigten ist bemerkt, wann und wo er sie ge- 
halten. Das Nähere darüber wird ein Aufsatz von mir: Zur Geschichte 
der westfölischen Predigt im Mittelalter in dem folgenden Bande der 
Zeitschrift für westfälische Geschichte und Altertumskunde bringen. 



— 28 — 

sonst ^Rats erholen'', wenn er die lateinische Yulgata nicht 
ausserdem noch mit sich hemmschleppen wollte. Dass er es 
auch gethan, beweist Anhang I, Nr. 2. 

Ein charakteristisches Zeugnis für die Abneigung der rö- 
mischen Gheistlichen jener Zeit gegen das Bibellesen der Laien 
ist uns aus Leiden überliefert. Dort schenkte im Jahre 1462 
Willem Heerman, ein angesehener Bürger, der Stadt eine von 
seiner Hand verfertigte Abschrift der vollständigen deutschen 
Bibel. Dieses Exemplar wurde in der St. Petrikirche ausge- 
legt, zum Gebrauche für „alle goede, eerbare mannen, die darin 
lezen en wat goeds studeren wilden"! (Die Kirchen waren im 
Mittelalter den Tag über stets offen) i). 

Die Erörterung der bislang besprochenen Gründe für die 
Waldenserhypothese beschliesst Haupt mit folgenden Worten: 

„Wir legen Wert darauf, dass unsere bisherige Untersuchung 
ohne jedwelche Rücksichtnahme auf den Text der Bibelüber- 
setzung der Tepler Handschrift geführt worden ist Ihre Resul- 
tate würden auch in dem Falle gültig bleiben, dass die Bibel- 
übersetzung nicht als eine waldensische von uns nachgewiesen 
werden könnte/ S. 17. 

Nun, dass ich diese Resultate ganz erfolglos angegriffen, 
glaube ich freilich nicht, aber ich bin bereit, auf meine An- 
sicht vollständig zu verzichten, wenn der Leser dem noch aus- 
stehenden Beweise Haupts Stichhaltigkeit zuerkennt. 

Die Resultate seiner bibeltextlichen Studien hat Haupt von 
Seite 19—33 mitgeteilt. 

Schade um den so verschwendeten wirklich grossen Fleiss! 
Von der Stellung der Vulgata in der mittelalterlichen und jetzigen 
Kirche, von dem Zustande der Vulgatahandschriften in den ver- 
schiedenen Jahrhunderten sowie von ihrem Verhältnis zur Itala 
hat Haupt keine Ahnung. Freilich giebt es hier verwickelte 
Fragen, Fragen, die überhaupt noch der Lösung harren, allein 
diese kommen hier gar nicht mit ins Spiel. Die Kenntnis der 
Elementarien auf diesem Gebiete hätte ihn abgehalten, ein der- 



1) Eist, Nieuw Archief 11, S. 239. Moll, Kerkgeschiedenis IP 335. 
Selbstverständlich Wlt es mir nicht ein, behaupten zu wollen, dass die 
katholische Priesterschaft überall in dieser Weise das Bibellesen begün- 
stigt habe. 



— 29 — 

artiges Kaxtengebäude mit so viel Mühe zu errichten. Um sich 
diese Kenntnis zu erwerben, bedarf es aber keiner sehr tiefen 
Studien: in der „Geschichte der Vulgata" von Franz Kaulen 
(Mainz 1868) findet man alles kurz und klar zusammengestellt. 
Da aber Haupts Untersuchungen „den Eindruck grosser Zuver- 
lässigkeit '^ gemacht haben, so darf ich es nicht unterlassen, 
mit wenigen Worten die wichtigsten Punkte klar zu stellen, 
um die es sich hier handelt. 

Jeder Philologe weiss, dass ein Text um so mehr verdorben 
ist, je häufiger er abgeschrieben wurde. Diesem Geschicke ist 
auch das verbreitetste von allen Büchern, die Bibel, nicht ent- 
gangen. Von der sogenannten Itala gab es zur Zeit des h. Büero- 
nymus „tot exemplaria, quot Codices. ** 

Seine eigene Redaktion, deren Nachkommen man später den 
Namen „Vulgata** beigelegt hat, half dem Übelstande nur fiir 
den Augenblick ab; die von seinen eigenen Schreibern hergestell- 
ten Exemplare hielt er selbst nicht einmal für ganz zuverlässig. 
Die Redaktion erlangte aber grosse Verbreitung schon wegen 
des besseren Lateins ; aber für die einzig richtige und allein zu 
gebrauchende ist sie im ganzen Mittelalter von keinem Papste 
oder Bischöfe erklärt worden. Es war ein stillschweigendes 
Übereinkommen; im 13. Jahrhundert sogar ist auch die Itala 
noch benutzt worden. Es dauerte indes nicht lange, so be- 
fand sich der Text der neuen Redaktion wieder in demselben 
Zustände wie die Itala zur Z^it des h. Hieronymus. Es wurden 
neue Revisionen notwendig; eine solche liess wiederum aus 
praktisißhen Gründen, die auch Hieronymus bewogen hatten, 
Karl der Grosse durch Alcuin machen. Diese Redaktion erlangte 
ebenfalls grosse Verbreitung; aber das nämliche Spiel wieder- 
holte sich stets. Auf die vielen anderen Emendationsversuehe 
gehe ich nicht ein, man mag sie bei Kaulen selbst nachlesen. 
„Für den ganzen Zeitraum vom 10. bis 12. Jahrhundart musste 
die Menge der Bibel-Emendatoren nicht bloss als Zeichen und 
Folge der mangelhaften Textesbeschafifenheit, sondern auch als 
Ursache der bestehenden Mannigfaltigkeit gelten **. S. 236. 
Mit dem 12. Jahrhundert trat eine Besserung ein, aber weder 
war sie gründlich, noch dauerte sie lange. Die einzelnen Orden, 
Fakultäten, Gelehrten schlugen eigene Wege ein. Wenn auch 
die neuen Recensionen in den wissenschaftlichen Kreisen, wo 



— 30 — 

es inmier war, zur Geltung gelangten, die alten wurden deshalb 
nicht yerbrannt, sondern rahig weiter gebraucht. Kirchliche 
Anerkennung stand keiner zor Seite; es war eine rein philo- 
logische Frage. Wie es zur Zeit Boger Bacos stand, geht aus 

seinem Schreiben an Clemens lY yom Jahre 1267 herror:'' 

Manche achten bei den Schriften der h. Väter nicht darauf 
welcher Übersetzung man sich ursprunglich bedient hat. Nun 
brauchte man aber die der Siebzig ... so glauben sie, das sei 
die nämliche, wie die jetzt in den lateinischen Bibeln stehende, 
was durchaus falsch ist. Demgemass yerschlimmbessem (cor- 
rigunt et corrompunt) sie den Text auf diesem W^e Be- 
sonders aber rührt das Verderbnis daher, dass sie den ganzen 
Tag aus folgender Ursache am Texte ändern. Die hL Väter, 
zomal Hieronymus, fbhren verschiedene XJbersetzungen for eine 
und dieselbe Stelle an, imi deren Sinn Tollständiger darzul^en. 
Viele aber, die auf den Unterschied der Übertragongen nicht 
achten, glauben, es seien das andere Lesarten (literae) der näm- 
Uchen Übersetzung, und so nehmen sie im Texte diejenige Les- 
art auf, die sie am besten yerstehen. Solchergestalt verursachen 
sie unzählige Entstellungen.'' Andere, klagt Baco Veiter, meng- 
ten und änderten nach Belieben, was sie nicht verständen, näh- 
men nicht bloss Übertragongen aus den Schriften der Väter 
au^ sondern auch aus den jüdischen Altertümern des Josephus 
u. s. w. „So geben sie dem Text eine ganz andere Gestalt.^ 

Baco hatte dabei nicht so sehr religiöse Bedenken als ein 
wissenschaftliches: „Für die Stadien wird daraus ein unermess- 
liches Übel erwachsen.'' Rom hatte keins von beiden; wenig- 
stens blieb die Sache beim Alten, und bis zum Tridenti- 
num waren alle Becensionen und Redaktionen gleich 
kirchlich. 

Was thut nun Haupt? Er vergleicht unsere Übersetzung 
mit einer anderen mittelalterlichen romanischen Übersetzung 
der Waldenser und beide dann — nun etwa mit irgend einer 
mittelalterlichen Vulgataredaktion? nein, mit der revidierten 
Vulgata vom Jahre 1592, die jetzt im Gebrauche ist. 

Was da herauskommt, kann man schon a priori bestimmen, 
nändich dass die beiden Übersetzungen in vielen Punkten über- 
einstimmen und von der revidierten Vulgata abweichen. Sieht 
man sich diese Abweichungen unbefangen an, so erkennt man 



— 31 — 

auf den ersten Blick, dass sie nicht von religiösen, sondern von 
jenen wissenschaftlichen Ketzern herrühren, über die Baco in 
seinem oben angeführten Schreiben klagt. Der revidierte Text 
ist durchgehends kürzer, da er die Schreiberglossen ausgemerzt 
hat. Dass die Fassung je jünger desto länger wurde, hatte 
schon Stephan von Citeaux gemerkt und hier sieht's jeder selbst 
deutlich ^). 

Die Frage wäre aber doch noch diskussionsfahig, wenn 
nachgewiesen würde, dass die Waldenser eine bestimmte Recen- 
sion der Vulgata als authentisch angesehen hätten. Aber die 
vier romanischen Übersetzungen der Waldenser bieten 
— wie Haupt selbst nach den Untersuchungen von Reuss mit- 
teilt — vier verschiedene Textesrecensionen! Augen- 
scheinlich haben sie — auch hier befinden sie sich in voller 
Übereinstimmung mit den Katholiken — das erste beste Exem- 
plar der Vulgata genommen. 

Ja wenn auch nur nachgewiesen würde, dass der Text der 
Dubliner Handschrift und der des Codex Teplensis ein und der- 
selben Recension angehorten, so liesse man es sich noch gefallen. 
Aber auch das ist nicht der Fall! Hören wir Haupt selbst: 



1) Was Haupts Vermutung (S. 30, A. 3) anlangt, „dass sie (die Wal- 
denser) ihren Übersetzungen irgend eine besonders alte Handschrift der 
Vulgata, welcher vielleicht die Varianten der Italaübersetzung in ziem- 
licher Vollständigkeit beigeschrieben waren, zu Grunde legten**, genügt 
es, auf die Auseinandersetzung Eaulens (S. 244 ff.) über die sog. Eor- 
rektorien zu verweisen, welche gerade eine Eigentümlichkeit der spä- 
teren Handschriften bilden (sie tauchen zuerst im 12. Jahrhundert auf) 
und die „ uralten ** Varianten der Septuaginta, Itala, der Kirchenväter wie 
auch die neueren Entstellungen enthielten. 

In Bezug auf die Lesarten der Itala darf man bei der Betrachtung 
der deutschen Übersetzungen nicht aus dem Auge lassen, dass die römi- 
schen Messbücher die Bibelteile nach dem Texte der Itala hatten und, 
soweit sie gesungen werden, auch noch jetzt haben. Als die Drucker 
nach der officiellen Ausgabe der Vulgata den Text derselben auch dort 
einsetzten, drohte ihnen der Papst mit dem Banne (aus dem einfachen 
Grunde, weü die Melodien nicht dazu passten). Da die Geistlichen die 
Messbücher täglich lasen, sicher die wenigsten aber eine Vulgata hatten, 
so musste ihnen bei jenen Partien der Text der Itala geläufig werden 
und konnte auch auf die Wiedergabe in der Volkssprache nicht ohne 
Einfluss bleiben. 



— 32 — 

,Es wäre verfehlt, auf Grund der angeführten, wenn auch 
noch so bedeutungsvollen (??) Parallelstellen auf eine beiden 
Übersetzungen gemeinsame lateinische Vorlage zurückschliessen 
zu wollen. Dem steht der Umstand entgegen, dass an zahl- 
reichen Stellen, an denen die Dubliner Handschrift 
von der Vulgata differiert, sich die Tepler an die 
letztere getreu anschliesst, während umgekehrt sich in 
der Tepler Handschrift eine Menge von höchst charak- 
teristischen (??) Zusätzen und Interpolationen findet, 
nach welchen man in der Dubliner Handschrift ver- 
gebens sucht; auch die Reihenfolge der neutestament- 
lichen Schriften ist in der deutschen Version eine von 
der romanischen verschiedene." S. 30. Ja, in den roma- 
nischen feUt sogar der Brief an die Laodicäer, den der Codex 
Teplensis, wie Keller sagt, „im Widerspruch mit der römischen 
Kirche, aber in Übereinstimmung mit der Tradition der 
Walde ns er*' ^) enthält. Was daran Wahres ist, hat Haupt S. 19 
gezeigt, wo er darauf hinweist, dass sogar noch die katholischen 
Übersetzungen von Eck und Dietenberger ihn enthalten 2), 

Was haben demnach die 10 Seiten füllenden Parallelstellen 
bei Haupt für einen Zweck? Man erhält daraus ein ganz an- 
schauliches Bild von dem Zustande der Vulgata im Mittelalter, 
aber weiter ist auch beim besten Willen nichts aus ihnen zu 
lernen 3). Durch eine demonstratio ad oculos will ich jeden 
Leser davon überzeugen. 

1) Schon bei Keller gesperrt gedruckt. S. 260. 

2) Klimeä teilt mir mit, dass der Brief auch in fünf vorlutherischen 
böhmischen Übersetzungen sich finde, von denen zwei ausdrücklich be- 
merkten: „Dieser Brief ist im Latein nicht vorhanden (d. h. in dem la- 
teinischen Drucke, denn Hs. hatten ihn genug), weil er aber Wahrheit 
enthält, mag er hier stehen.*^ Dagegen hat ihn die klassische 
Übersetzung der Mährischen Brüder nicht. 

3) Haupts ganzes Verfahren erscheint um so merkwürdiger, als er 
selbst S, 19 gegen Keller bemerkt: „Eine Beweiskraft können aber jene 
Abweichungen von der Vulgata doch offenbar nur in dem Falle haben, 
dass dieselben nicht den unzähligen Varianten der Vulgatahandschriften 
des Mittelalters gleichartig sind, sondern dass in ihnen ein bestimmtes 
Prinzip, das bei der Veränderung der Vulgata eingehalten wurde, und 
deutliche Beziehungen zu der romanischen Bibelübersetzung der Wal- 
denser sich erkennen lassen.** Ein sehr richtiger Gedanke, der leider von 
Haupt sofort fallen gelassen ist. 



— 83 — 

Ich habe zu diesem Zwecke die erste beste Vulgatahand- 
schrift des späteren Mittelalters auf der hiesigen Paulinischen 
Bibliothek mit den von Haupt herangezogenen Parallelen 
verglichen. Das Exemplar stammt aus der zweiten Hälfte des 
15. Jahrhunderts und gehörte ins Kloster Werden; wir dürfen 
also ziemlich sicher sein, dass in ihm die Waldenser sich nicht 
mit textkritischen Studien versucht haben. Das Resultat war 
folgendes: 

Cod. Tepl. Cod. Dublin. Cd.Vulg.Werth. Rev.Vulgata. 

Matth. 6, 11: lo nostre pan panem n. coti- p. n. supersub- 
unser teglich quottidian. dianum. stantialem i). 

brot. 

Luc. 23, 35: daz lo pöble istava stabat popnlus stabat populus 
volk stund bai- sperant. exspectans. spectans^). 

tend. 

Luc. 4, 23: ge- curatumeseyme; cura te ipsum; cura te ipsum; 

sunt dich selber; li Pharisio di- Dixerunt Pha- quanta audivi- 

und di Phari- seron a Y:quan- risei ad Jhe- mus facta, 

seer sprachen tas cosas. sum: quanta.. 
zu Jesus: Wie 
manige dink . . . 

Rom. 13, 9: nit non cubitares la non concupisces non concupisces. 

begeikg daz cosa del teo rei proximi 

ding deinz proyme. tui. 
nechsten. 

Act. 15, 2: wan doncafaictatenc- facta ergo sedi- f. e. s. n. m. . . . 
nit ein luczeler zon non petita... tione non mini- adversus illos 
krieg wart ge- encontralos. mas ma . . . adversus statuerunt, ut 
macht . . . wider dicia lor per- illos. Docebant ascenderent . . . 
si. Paulus der manir enayma autem illos 
sagt si zeblei- ilh creseron; Paulus et Bar- 
ben also alz si ilh ordoneron, nabas, ut 
glaubten und que Paul . . . unusquisque 
si schikten, daz maueret, ut 
Paulus . . . crediderunt et 

statuerunt . . . 

1) ZwoUer Obersetzung: onse daghelix broot. 

2) Ende tvolc stont verwachtende. 



— 34 — 

Cod. Tepl. X:Jod. Dublia Cd Vulg. Werth. Rev. Vulgata. 

Act. 16, 1: Thi- Timotio, filh de Thim. filius mu- T. mulienB lu- 

moteufi, ain sun fenna veva fi- lieris vidue fi- daeae fidelis^). 

ainz weibz, ainer della. delis. 
getrewen wit- 
wen. 

Act. 18, 21: want mas faczent a lor sed yalefaciens et sed valefaciens 
er gesengtes! und salu e diczent: a dicens: oportet et dicens: iterum 
sprach: mir ge- mi conventa me sollemp- revertar ad vos 2). 
zemtdenhoch- far lo diafesti- nemadvenien- 
zeitlichen tag val venent en tem facere Je- 
der da zukamt Jernsalem, e rosolime et ite- 
zu machen zu dereco retomarei rum revertar ad 
Jerusalem und a vos. vos. 
aber kere ich wi- 
der zu euch. 

Act. 27, 30: ein ge- enayma comen- sub obtentu qua s. o. q. i. a pro- 

leichait oder ein cesan descendre si inciperent a ra anchoras ex- 

bedunkung als las ancoras de la prora anchoras tendere, dixit 

sie anviengen ze proa sot queison, extendere, ut tu- Paulus, 

zaig^n di anker que la nau tius navis sta- 

von dem vordem istes plus se- ret, dixit Paulus, 
teil, daz daz gurament, 

schif sicher Paul, 
stund, Paulus. 

Act. 28, 11: daz segnal de castel. insigne Castro- insigne Casto- 

zaichen der her- rum. rum. 

bergen. 



Apoc. 15, 6: ge- vesti di peira vestiti lapide 

vasset mit rainem munda e blanca. mundo et can- 
stain und mit dido. 

weissem. 



vestiti lino mun- 
do et candido3). 



Apoc. 18, 2: und e cride en grant et exclamavit in et exclamavit in 

er rief mit ei- voucz diczent. forti voce. fortitudine ^). 

ner starken 
stimm, sagent. 



1) de Thimotheus biete, eenre ghelovigher weduwe sone. 

2) hi beval se gode ende seide: Ic moet den toecomenden festdach 
te Jherusalem holden, mer wilt got, ic sal weder tot v comen. 

3) ghecledet mit enen reynen blenckenden steen. 

4) Ende hi riep in eenre starker stemme ende seide. 



— 35 — 

Cod. Tepl. Cod. Dublin. Cd.Vulg.Werth. Itev.Vulgata. 

Apoc. 22, 17: der Tespos e Tes- sponsus et Spiritus et spon- 

preutig^am und posa. sponsa. sa^). 
di praut. 

Joh. 1, 18: kainer alcun non vic deum nemo vidit deum nemo vidit 

gesach nie Got unca dio si non unquam nisi unquam; unige- 

neur der äin- un engenra filh. unigenitus filius. nitus filius^). 
geborn sun. 

Joh. 1, 32: und e permanent et manentem et mansit super 

beleibent uf sobre luy. super eum. eum^). 
im. 



Joh. 7, 29: wan 
ich waizz in und 
ob ich sag, das 
ich sein nich- 
ten enweste, 
ich wurd euch 
gelich ein lug- 
ner. Wan ich 
waizz in, wan ich 
bin von im und 
er selbst sant 
mich. 



yo say luy, e ego autem scio ego scio eum, 

siyo direy,car eumetsidixe- quia ab ipso sum 

yo non say luy, ro, quod nes- et ipse me mi- 

yo serey mec cio eum, ero sit*). 

zongier semil- similis vobis 

hant a vos. mendax. Sed 

mas yo say luy, ego scio. 

car yo soy de luy 

meseyme , e el 

meseyme trames 

mi. 



Joh. 9, 18: uncz entro quilh ap- donec vocaverunt donec vocaverunt 

das si gerieften pelleron li pei- parentesejusqui parentes ejusqui 

seim vater und ron de luy li- viderant. viderat. 

sein muter di in quäl Tavian 

vor heten ge- vist. 

sechen. 

Joh. 14, 1: und e dis a li seo et ait discipu- non turbetur cor 

Jhesus sprach desciple: lovo- lis suis: non vestrum. 

zu seinen jun- stre cor non sia turbetur cor ve- 

ger: eur hercze torba. strum. 
wert nit betrübt. 

In Joh. 19, 31 ist Text und Stellung sowohl von der re- 
vidierten Vulgata als auch vom C. T. abweichend. 

1) brudegom ende die bruit. 

2) Niemant en heft god ye ghesien d an die eengheboren soen. 

3) ende blivende op hem. 

4) Ic kennen. Ende weert dat ic seide, dat ics niet en kenne, soe 

3* 



— 36 — 

Die Zwoller Übersetzung stimmt ausserdem noch in drei 
(von den 40 von Haupt angeführten Stellen zum Cod. Tepl. und 
zur Dubl. Hs. abweichend von der Werdener und der revidier- 
ten Vulgata) *) : 

C. T. C. D. C. Z. ß. V. 

Luc. 1, 58: si ensemp s*ale- ende waren congratula- 

enczamt freu- gravan a ley. blyde mit hoer. bantur ei. 
ten sich mit ir. 

Act. 10, 29: ge- appella de vos. doe ic ghero- accersitos. 
ruffen von euch. pen was. 

Act. 3| 12: mit per la nostra ver- in onser moe- nostra virtute aut 
unser kraft oder tu o per pieta? ghentheit of gue- potestate? 
mit milt. dertirenheit. 

Wenn ich mir die in den Augen Einsichtiger wirklich un- 
nütze Mühe machen wollte, noch einige andere mittelalterliche 
Handschriften zu Rate zu ziehen, so würden wohl bald diese 
„waldensischen'' Lesarten samt und sonders in Dunst sich auf- 
lösen 2). Ich will Haupt die noch übrigen Binsen gerne zur 
Stütze seiner gewichtigen Hypothese lassen: wen ich jetzt noch 
nicht überzeugt habe, auf dessen Beifall würde ich doch ver- 
zichten müssen. 

Übrigens würde es nicht überflüssig gewesen sein, wenn 
Haupt dem Leser für die Auffindung des in diesen Lesarten 
steckenden „Prinzipes* einen Fingerzeig gegeben hätte. Nicht 
bloss ein so vermessener Zweifler, wie ich, auch der Recensent 

sal ic wesen ghel^jc v loghenachtich. Mer ic kennen, want ic bin van 
hem ende hi sande mi. 

1) Dass sie einen mehr gesäuberten Text bietet, hat seinen Grund 
vielleicht darin, dass der von den Brüdern des gemeinen Lebens mit 
grosser Mühe hergestellte kritische Text in den Niederlanden grosse Ver- 
breitung gefunden hatte. Vgl. Moll, Eerkgeschiedenis U^ 312 f. Grube, 
Die litterarische Thätigkeit der Windesheimer Kongregation. Der Katho- 
lik, Jahrg. 1881, Heft 1. 

2) Bei der Vergleichung der differierenden Lesarten der Tepler und 
Dubliner Bibelübersetzung war das Resultat ganz entsprechend. Wem 
das unvollständig gebliebene Werk von Vercellone: Variae Lectiones 
Yulgatae Latinae Bibliorum Editionis (Pars I — IV Romae 1860 — 64) zu- 
gänglich ist, wird, falls es Überhaupt schon bis zum N. T. reicht, darin 
die übrigen signifikant waldensischen Lesarten bequem finden können. 



- 37 — 

in den Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Deutschjen 
in Böhmen *) hat bei seinem felsenfesten Qlauben an die Hypo- 
these dasselbe nicht entdecken können. 

Wollte man die Methode Haupts anwenden, so würde man 
mit Leichtigkeit sämtliche Yulgatahandschriffcen vom 5. bis ins 
15. Jahrhundert als unkatholisch und wahrscheinlich die meisten 
auch als „waldensisch^ nachweisen können. 

Auf zwei Lesarten legt Haupt ganz besonderes Gewicht, 
auf die Übersetzung des filius hominis durch filh de vergena in 
der Dubliner und sun der maid in der Tepler Handschrift und 
von gehenna ignis durch pena del fuoc bez. angst des feurs. 

,,Durch die Thatsache, dass auch im Codex Teplensis fast 
ausnahmslos an Stelle des filius hominis der Yulgata der Aus- 
druck sun der maid ims entgegentritt, ist allein schon der wal- 
densische Ursprung der Tepler Handschrift dargethan." S. 21. 

Je schwächer der Grund, desto kräftiger die Behauptung! 
Auf die Frage, was denn eigentlich Waldensisches in den Aus- 
drücken stecke, wird Haupt sicher die Antwort schuldig bleiben; 
er hätte sie sonst auch schon gegeben. Die Berufung auf Her- 
zog 2) ersetzt den Beweis nicht, da dieser nur die Vermutung 
ausspricht, dass die Übersetzung „wahrscheinlich* noch aus der 
Zeit herrühre, wo die Waldenser mit denjenigen Häretikern im 
Kampfe begrijffen waren, welche die wahre Menschheit Jesu 
leugneten. Auch wenn sie richtig wäre, käme sie Haupts An- 
sicht nicht zu gute. Gilly weist (wie Haupt femer „beweisend" 
anfuhrt) in seinem mir imzugänglichen Werke*) „auf die Aus- 
fiihnmgen des Abtes Alexander von Jumiege (gest. 1209) hin, 
in welchen sich dieser geneigt zeigt, den Ausdruck „filius ho- 
minis mit „filius feminae* oder „filius virginis" wiederzugeben.* 
Wenn schon Gilly sich so unklar ausgedrückt hat, wird wohl 
Haupt selbst der Meinung gewesen sein, dass der Abbas Geme- 
neticensis hiermit den Waldensern eine Koncession habe machen 
wollen. Denn sonst würde ja für ihn nichts Günstiges darin 
zu finden sein. Haupt hätte aber gut gethan, wenn er sich 



1) XXIV. Jahrgang. Prag 1885. Litterarische Beilage I S. 8—10. 

2) Die romanischen Waldenser. Halle 1853, S. 100. 

3) The Romaunt version of the gospel according to St. John. Lon- 
don 1848. 



— 38 — 

die Opera omnia des Mannes, die aus der einen Epistola de 
filio hominis bestehen, angesehen hätte. Aus der am Fusse der 
Seite ^) stehenden Einleitung des Briefes ergiebt sich zur Ge- 
nüge, dass filh de vergena eine im Romanischen ganz gebräuch- 
liche Übersetzung von filius hominis war-), ebenso wie das 
deutsche „sun der maid**. Wilhelm Grimm hat in der Ein- 
leitung zu Konrads von Würzburg: „Die goldene Schmiede* 
(XL VIII f.) die in der altdeutschen Litteratur üblichen Benen- 
nungen für Christus zusammengestellt; darunter findet sich nun 
wohl der megde kint, der meide sun, aber nicht unser „ Menschen- 
sohn ". Die von ihm angeführten Beispiele sollen nicht er- 
schöpfend sein und lassen sich massenhaft vermehren. Um nur 
den populären und gewiss nicht waldenserfreundlichen Berthold 
von Regensburg anzuführen, so sagte derselbe stets „der megede 
sun" 3). „Menschensohn "war im Mittelhochdeutschen eine ebenso 
ungebräuchliche Benennung, wie sie jetzt gebräuchlich ist. Der 
Herausgeber der vierten Bibel hat es sicher bloss deshalb ent- 
fernt, weil ihm die Übersetzung nicht genau schien. 

Auf die Wiedergabe des hebräischen gehenna durch pena 
bez. angest (= Bedrängnis, Not) — einmal Marcus IX, 42 wird 



1) Migne, Patrol. tom. CCV p. 919—922. Secreta mihi meditarione 
aliquando quaerenti qualiter illud evangelicum: Quem dicunt homines 
esse filium hominis? simplicioribus fratribus Gallico sermone 
exponerem, tanta obviavit difficultaa, ut vel nimis remota interpreta- 
tione uterer, et quae vix ad htteram videretur accedere, vel quia ho- 
minibus, non litterae satisfaciens , aliud pro alio dicerem eorum de 
more qui sophistice diaputantes , non ad orationem , sed ad hominem 
proferunt solutionem. Cum enim hoc nomen (Homo) non deter- 
minet sexum: Filium hominis, nee filium viri, ne filium fe- 
minae recte poteram interpretari. Horum enim et alterum 
omnino falsum est, et neutrum de littera haberi potest. 
Non enim filius hominis determinate hoc exprimit quod filius feminae, 
vel filius Virginis, quamvis penitus idem sit filius hominis 
quod filius Virginis; sed neque aliud aliquid occurrebat quod hoc 
termino (filius hominis) determinate insinuaretur. 

2) Herr Prof. Dr. Schanz teilt mir mit, dass bereits Euthymius Zi- 
gabenus, ein griechischer Exeget des 11. Jahrhunderts, das avd^Qwnov 
auf Maria bezieht und diese Annahme vom Abendlande angenommen ist 
und sich selbst noch bei Comel. a Lapide findet. 

3) Pfeiffers Ausgabe, I. Band. Wien 1862. z. B. 168,37; 195,3o; 
298,9; etc. 



— 39 — 

es durch pein wiedergegeben — scheint Haupt nicht so grosses 
Gewicht zu legen. Dem Worte gegenüber, namentKch in der 
Verbindung gehenna ignis, haben sich die Übersetzer aller 
Sprachen in Schwierigkeiten befunden ^). Wer die mittelalter- 
hchen Exegeten kennt, wird auch wohl die Glossen nachweisen 
können, auf welchen die Wiedergabe durch „angst" oder ^pein" 
beruht. Die Zwoller Übersetzung giebt Jacobi UI. 6 Inflam- 
mata a gehenna wieder durch „van den vyande onfuncket*. 
Auch das wird auf eine Glosse zurückgehen. Der Herausgeber 
der vierten Bibel hat auch hier aus dem nämlichen Grunde ge- 
ändert. Irgend ein religiöses Motiv kann ich nicht entdecken. 

Nachdem ich im Vorstehenden klar genug bewiesen zu 
haben glaube, dass die Erörterungen Haupts über die Vulgata 
lediglich ein Ausfluss seiner unglaublich geringen Kenntnis der 
Sache sind, so könnte ich über das vierte Kapitel seiner Schrift 
„die katholische Überarbeitung der waldensischen Bibelüber- 
setzung** ruhig hinweggehen. Denn wenn, wie dargelegt ist, 
vor dem Tridentinischen Konzil oder vielmehr vor dem Jahr 1592 
die eine Recension der Vulgata so gut katholisch war wie die 
andere, so kann natürlich bei einer vor jener Zeit stattgefunde- 
nen Revision der deutschen Übersetzung nach einer bestimm- 
ten Recension von einer katholischen Überarbeitung gar 
keine Rede sein. Ich gehe aber darauf ein, weil eine Aufklärung 
des Sachverhaltes gleichwohl nicht unangebracht ist. 

Die Erfindung des Druckes zog nicht unmittelbar eine 
kritische Herstellung des Textes nach sich. Vielleicht haben 
die Drucker zuerst nur die erste beste Handschrift zu Grunde 
gelegt. Da aber ein Druck dem andern als Vorlage diente, so 
kam alsbald eine „Vulgata" der Vulgata in Umlauf. Man be- 
nutzte daher jetzt in Deutschland, wenn man sich nicht mehr 
einer Handschrift bediente, überall dieselbe Recension. Nichts 
ist nun doch natürlicher, als dass man die deutsche Übersetzung 
mit dem Texte der dem Drucke (willkürlich) zu Grunde geleg- 
ten Recension in Einklang zu bringen suchte. Der vierte 
deutsche Bibeldruck ist nun aber nichts anderes als 



1) Ulfilas lässt es unübersetzt. Andere übersetzen iehennisch feuer. 
C. Werth. hat stets „ichenna*. Man wusste meistens mit dem Worte 
nicht viel anzufangen. 



— 40 — 

eine Ausgabe, die dieses natürliche und durchaus be- 
rechtigte Bedürfnis befriedigte. Ich habe die ^kleine 
Anzahl von signifikanten (! !) Stellen der ersten vier deutschen 
Bibeln" (S. 43 f.) mit der schönen Schöfferschen Vulgataaus- 
gabe vom Jahre 1472 verglichen, und an all diesen Stellen 
stimmte die vierte deutsche Bibel mit dieser wie mit der revi- 
dierten Vulgata überein! Diese gedruckten Texte vraren vreder 
kirchlicher noch unkirchlicher als jede beliebige andere Recen- 
sion, aber kritisch besser als der, vrelcher der Tepler Über- 
setzung mit seinen ,,signifikanten w^aldensischen Lesarten" zu 
Grunde gelegt wurde. Jndes mag man über diese Lesarten 
immerhin denken, vne man vrill, mir ist wenig daran gelegen, 
aber von einer „katholischen** Überarbeitung kann man bei 
der vierten deutschen Bibel nicht reden, ohne einen Anachro- 
nismus zu begehen. 

Dass bei dieser Revision überhaupt die deutsche Über- 
setzung dem lateinischen Texte enger angepasst wurde, ist nicht 
befremdlich; ob sie dadurch besser geworden, ist eine andere 
Frage, die hier nicht zu erörtern ist, aber „katholischer" ist 
sie dadurch nichts geworden. Durch den Druck vnirde die Über- 
setzung der Tepler Handschrift in eine ganz andere Sphäre ge- 
rückt; sie wurde nicht mehr bloss in einem engen Kreise, der 
Heimat des Übersetzers, gelesen, sondern in ganz Oberdeutsch- 
land, wo mancherorts sehr viele dort gang und gäbe Ausdrücke 
absolut nicht verstanden wurden. Daher „die brutale Be- 
seitigung von Hunderten (!) von wahren Perlen des mittel- 
alterlichen deutschen Wortschatzes". Ich glaube auch einiges 
Interesse für „Perlen des deutschen Wortschatzes" zu besitzen, 
aber trotzdem kann ich das Verfahren des Uberarbeiters im 
Prinzipe doch nicht missbilligen, wenn ich auch gerne zugebe, 
dass er keineswegs überall mit Geschick verfahren ist. Es fragt 
sich eben, ob hier nicht praktische Gründe durchschlagend sind; 
aus den Ereignissen der allemeuesten Zeit (den Streitigkeiten 
über die Revision der Übersetzung Luthers) hätte Haupt sich 
überzeugen können, dass hier das sprachliche Interesse keines- 
wegs aUgemein als aUein massgebend .angesehen wird. 

Es bleibt indes noch eine Frage zu beantworten übrig. Wie 
sollen vm uns die Thatsache erklären, das die „waldensische" 
Bibelübersetzung dem ersten Drucke zu Grunde gelegt vmrde? 



— 41 — 

Waren die Drucker waldensisch? War die Ausgabe für die 
Waldenser bestimmt? Haupt glaubt das wenn auch nicht streng 
beweisen, so doch höchst wahrscheinlich machen zu können. 
(S. 38 — 40)^). Ich glaube, wer einmal seine Voraussetzungen als 
richtig anerkennt, in der Tepler Übersetzung eine waldensische 
Bibel mit „ganz signifikant waldensischen" Lesarten sieht, dem 
bleibt gar nichts anderes übrig als die Annahme, dass die drei 
ersten Ausgaben geheim in den Kreisen der Waldenser ver- 
trieben worden sind. Denn wer behaupten wollte, die Ortho- 
doxen jener Zeit hätten den waldensischen Charakter der 
Bibel übersehen, den wir jetzt noch zu erkennen glauben, oder 
hätten gar ihrer Verbreitung stumm zugesehen, der kennt 
doch die Inquisitores haereticae pravitatis schlecht und mutet 
dem gesunden Menschenverstände etwas zu viel zu. Wie findet 
Haupt nun den Übergang von der dritten waldensischen zu der 
vierten katholischen Ausgabe? Sehr leicht, denn bei den Katho- 
liken wurde allmählich auch der Wunsch nach einer deutschen 
Übersetzung rege und um denselben befriedigen zu können, be- 
mächtigten sie sich kurzerhand des waldensischen Bibelwerkes 
(S. 39). Leider trägt diese Antwort wieder eine ganze Reihe 
anderer Fragen in ihrem Schosse. Zunächst muss es doch sehr 
befremden, dass die Waldenser von dem Jahre des vierten 
Druckes ab ihre Rührigkeit plötzlich mit der Schlafmützigkeit 
der Orthodoxen vertauschen. Denn nicht nur sehen sie dem Raube 
ihres litterarischen Eigentumes stillschweigend zu, nein, bei all 
ihrem (von Haupt und Keller angenommenen) Einfluss in den 
Reichsstädten und in den Kreisen der Drucker veranstalten sie 
auch nicht ein einziges Mal eine unverfälschte Ausgabe ihrer 
altehrwürdigen Übersetzung mit all den signifikant waldensi- 
schen Lesarten. — Und nicht bloss das, sondern sie müssen 
sich auch der verkatholisierten Ausgaben selbst bedient und 
ihre eigene vollständig vergessen haben; die Täufer — mnd diese 
sollen ja nichts anderes als die alten Waldenser sein — haben 
wenigstens notorisch Luthers Übersetzung abgelehnt und sich 
der alten katholischen bedient 2), 



1) Auch Kw. (Eawerau) ist dieser Ansicht, Theol. Literaturblatt 
Nr. 27. 

2) Keller a. a. 0. S. 895. 



— 42 — 

Steht ferner die vierte Ausgabe in einem religiösen Ge- 
gensatze zu den vorhergehenden, weshalb hat dann der Über- 
arbeiter in der Vorrede keine Warnungstafel vor den älteren 
aufgesteckt und der Drucke der neuen keine Empfehlung mit 
auf den Weg gegeben? Das erstere wäre doch wahrhaftig not- 
wendig gewesen, und die Hervorhebung der strengen Recht- 
gläubigkeit der neuen Ausgabe hätte sich doch auch der ,,hab- 
gierige Drucker'* in seinem pekuniären Interesse nicht entgehen 
lassen dürfen. Aber nein, beide haben sich dazu nicht veranlasst 
gesehen. Weshalb nicht? Weil der waldensische Charakter der 
ersten drei Drucke nur im Kopfe des Herrn Haupt existiert. 

Wahrlich wer bei all diesen Erwägungen noch an der Hypo- 
these fest halten will, der muss mit Pseudo-Tertullian sagen: 
credo, quia absurdum! 

Hiermit schliesse ich die Darlegung meiner Gründe ge- 
gen die neueste Hypothese, die meiner Ansicht nach in Haupt 
einen geschickten Verteidiger nicht gefanden hat. Das einzige, 
was ich an seiner Schrift loben kann, ist der grosse Fleiss, 
mit dem sie angefertigt ist. Als ich mit der Lektüre zu Ende 
war, kam mir ein Vergleich Veghe's in den Sinn, in dem ein 
derartig angewandter Fleiss ganz treffend beurteilt wird: 

De dwase man de syn hues up dat sant ghetymmert heft, 
alz dan de wynt unde de storm kumpt, so velt dat hues umme, 
unde de wynt weyet em dat sant under de oghen, und so secht 
men: Wat dwases mannes hefft dit ghewesen, dat he so groten 
arbeit unde kost ghedaen hefft unde so kostelen hues up dat 
sant ghesat hefft unde de nijn vast fundament ghegraven unde 
ghelecht en hefft! nu is sijn arbeit verloren und he mach em 
den schaden selven wijten, wante he mochte sick wal bet be- 
dacht hebn unde mochte dat wal wysliker voergheseen hebn, 
waer he sijn hues unde sijn grundveste xip setten wolde! (S. 156). 

Aus den falschen Grundansichten Haupts sind noch eine 
ganze Reihe anderer Irrtümer hervorgegangen, die ich hier gar 
nicht berührt habe; durch Untergrabung des Fundamentes 
glaube ich sein Gebäude zum Einstürze gebracht zu haben: 
mich auf die Trümmer zu stellen und die einzelnen Steine noch 
von einander zu schlagen, dazu fehlt mir die Zeit und "Lust. 

Haupt stellt weitere Untersuchungen über die deutsche Bibel- 
übersetzung in Aussicht: isils er sich die ihm jetzt noch feh- 



— 43 — 

lenden unbedingt erforderlichen Vorkenntnisse erwirbt, wird er 
keinen eifrigeren und dankbareren Leser finden als mich. 

Zwei Gedanken allgemeineren Charakters möchte ich hier 
noch Ausdruck verleihen. Zunächst habe ich mich bei dem 
Studium des mir bislang fremden Gegenstandes davon über- 
zeugt, dass man die waldensische Litteratur, sei sie nun roma- 
nisch oder deutsch, viel zu sehr aus dem Zusammenhange mit 
der orthodoxen Litteratur herausreisst. Wenn die neuere An- 
sicht, dass die vorreformatorischen Waldenser sich in dogma- 
tischer Beziehung wenig von den Katholiken unterschieden 
haben, richtig wäre, dann müsste man sich erst recht sagen, 
dass eine Würdigung jener oh^e eine gründliche Kenntnis die- 
ser ebensosehr ein Ding der Unmöglichkeit sei als etwa eine 
richtige Beurteilung der Verdienste von Opitz um die Poetik 
ohne die Kenntnis der Franzosen. Wer aber mit derartigen Vor- 
kenntnissen ausgerüstet die Untersuchung der romanischen oder 
der deutschen religiösen Litteratur des späteren Mittelalters 
unternehmen wollte, ohne Rücksicht auf eine vorgefasste Lieb- 
lingsidee, der würde, auch wenn er das sich gesteckte Ziel nicht 
nach Wunsch erreichte, doch des Dankes aller derer gewiss 
sein dürfen, denen es mit der Erkenntnis der nackten Wahr- 
heit Ernst ist; und sein Buch würde keine Eintagsfliege werden. 

Der zweite Gedanke, der mich bei dieser Arbeit fortwäh- 
rend begleitet hat, ist der, dass wir, um allen windigen Hypo- 
thesen von vornherein einen Riegel vorzuschieben, notwendig 
eine gründlich gearbeitete Geschichte der deutschen Bibelüber- 
setzung haben müssen. Dieselbe müsste meiner Ansicht nach 
in zwei Teile zerfallen; der eine würde den ersten Bibeldruck 
mit den Varianten der Tepler, Freiberger u.s,w. Handschriften 
zu geben haben; der andere würde, wenn möglich, Aufschluss 
darüber bringen müssen, ob und wie weit ältere (wenn auch 
in späterer Überlieferung erhaltene) Teile der Bibel, Evange- 
lien, Psalmen, Briefe Pauli u. s. w. hier zu Ghrunde liegen oder 
verarbeitet siud. Er hätte zugleich ausführliche Auszüge aus 
verschiedenen unbekannteren Partien — die von Kehrein aus- 
gewählte über die acht Seligkeiten ist die denkbar untauglichste 
— der übrigen selbständigen Übersetzungen^) zu bringen, da- 



1} Dass, wie Krafit (Die. deutsche Bibel vor Luther etc. Bonn 188S. 



— 44 — 

mit eine richtige Beurteilung des Wertes und des Charakters 
der Übersetzung ermöglicht wird. Er hätte endlich die Gründe 
fiir die Abweichungen der Drucke, wo sie sich erkennen lassen, 
anzuführen und darüber Aufschluss zu geben — in den meisten 
FäUen wird das sicher möglich sein — , welche Recension oder 
welcher Druck der lat. Vulgata bei der Revision der einzelnen 
Drucke für den Revisor massgebend gewesen ist. 

Freilich ist das keine mühelose aber auch gewiss keine un- 
wichtige und uninteressante Arbeit. 

Und wenn die Waldenserhypothese, welche auf einmal 
in so weiten Bjreisen ein geradezu überraschendes Interesse für 
die vorlutherische Bibelübersetzung wachgerufen hat, den Er- 
folg hätte, dass diese Arbeit bald in Angriff genommen würde, 
dann hätte auch sie ihr Gutes gehabt. 



S. 2} meint, das handschriffcliche Material schon in Zeitechriften publi- 
eiert und zusammengestellt sei, ist leider nicht richtig. Hier in Münster 
befindet sich ausser dem erwähnten Neuen Testamente nojch ein um- 
fangreiches Fragment des Alten Testamentes, das hinsichtlich der Über- 
setzung in enger Yerwandtschafb zu dem Kölner Drucke von 1492 steht. 
Wie der Becensent Haupts in den Mitteilungen des Vereins für Gesch. 
der Deutschen in Böhmen (T. E.) angiebt, befinden sich auch in Böhmen 
noch mehrere Handschriften. Es wäre dringend zu wünschen, dass eini- 
ges Nähere darüber in die Öffentlichkeit käme. 



Brack von August Fries in Leipzig. 



^. 



^ ■ / 



I ! 



\ 



1' 



( , 



i* 



Druck von August Pcies in Leipzig^. 



> . 



3 2044 020 883 294 




3 2044 020 883 294